access_time veröffentlicht 10.11.2020

«Es gibt keinen vergleichbaren Wettkampf»

Roland Sigrist, Leiter Cybathlon, ETH Zürich

Online first

«Es gibt keinen vergleichbaren Wettkampf»

10.11.2020

Parcours mit Exoskeletten, virtuelles Rennen mit Gedankensteuerung: Am Cybathlon messen sich Menschen mit Behinderung mithilfe modernster Technologien. Dieser einzigartige Wettkampf soll Innovation und Forschung fördern. Am Freitag und Samstag findet das Event erstmals online statt.

 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Cybathlon ist ein internationaler Wettkampf, dessen Hauptevent in einem Abstand von vier Jahren stattfindet, an dem Menschen mit Behinderung anhand neuester Geräte Alltagsaufgaben lösen. 
  • Es gibt sechs Disziplinen: Geschicklichkeitsparcours mit Armprothesen, virtuelles Rennen mit Gedankensteuerung, Fahrradrennen mit elektrischer Muskelstimulation, Parcours mit robotischen Exoskeletten, mit Beinprothesen und mit motorisierten Rollstühlen. 
  • Die Rennen der verschiedenen Disziplinen werden vom 7. bis 13. November von den Teams selbst aufgezeichnet. Die Teilnehmenden starten also einzeln in den 20 Herkunftsländern der jeweiligen über 50 Teams und unter der Aufsicht von Cybathlon-Schiedsrichtern. Der Wettkampf wird dann am 13. und 14. November 2020 in einem Live-Programm übertragen. 
  • Der Cybathlon soll Forschung und Innovation im Bereich Assistenzsystemen fördern sowie den Austausch zwischen Forschenden und Nutzern und Nutzerinnen, beziehungsweise Menschen mit Behinderung, intensivieren. Die FMH ist Patronatsgeberin: Als ideellere Partnerin stellt sie ihr Logo zur Verfügung.

 

Das Interview führte: Julia Rippstein

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der Print-Version erscheinen wird.

 

Roland Sigrist, was ist der Cybathlon?

Dieser einzigartige Wettkampf ist eine Initiative der ETH Zürich. Am zweitägigen Event meistern Menschen mit Behinderung, Alltagsübungen mithilfe innovativer Entwicklungen und Geräte. Der Cybathlon ist also mehr als nur ein Wettkampf: Er fördert die Einbeziehung von Menschen mit Behinderung in unser Alltagsleben. Ziel ist es, Forschung und Entwicklung im Bereich von Assistenzsystemen für die Betroffenen voranzutreiben. Zudem dient der Cybathlon als Plattform, die aufzeigt, was bereits existiert und wo noch Potenzial vorhanden ist. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt.

Wie ist die Idee dieses Wettkampfes entstanden? 

Einerseits gibt es an der ETH viele Forschungsprojekte rund um Assistenzsysteme, andererseits finden diese Entwicklungen selten Anwendungen im Alltag. Der Cybathlon soll Forschung und Menschen mit Behinderung zusammenbringen und eine intensivere Zusammenarbeit fördern.

Welche Technologien werden am Cybathlon gezeigt?

Jedes Team entwickelt eigene Technologien für den Wettkampf. Ein Beispiel: Teilnehmende am Rollstuhlrennen haben verschiedene Einschränkungen und nicht alle brauchen das gleiche Steuerungssystem. Am Cybathlon werden daher sehr diverse Ansätze eingesetzt. Unter den Innovationen können kommerzielle Geräte sein, die angepasst wurden. Es können aber auch komplett neue Lösungen sein, die vorher nicht existierten. Es gibt zum Beispiel Armprothesen, die in der Lage sind, den Bewegungswunsch automatisch vom Menschen auf die Prothese zu übertragen. Andere Prothesen können sogar einen Tastsinn beim Anfassen von Gegenständen vermitteln.

Was bedeutet ein Sieg für ein Team? Dass die entsprechende Technologie besser als die der anderen ist?

Wenn ein Team gewinnt, heisst es nicht, dass dessen Entwicklung Vorrang in der Forschung hat. Unser Ziel ist es, den verschiedenen Technologien eine Plattform zu geben, damit jeder Mensch mit einer Behinderung die passende Lösung für seinen oder ihren täglichen Gebrauch finden kann. 

Der Cybathlon 2020 hätte im Mai in Zürich stattfinden sollen. Wegen der Pandemie wurde zuerst der Event verschoben, dann das Format komplett überarbeitet. Was darf das Publikum vom 13. und 14. November erwarten?

Mit den nun über 50 Teams aus 20 Ländern ist der Cybathlon ein internationaler Anlass. Aufgrund der Coronakrise war es unmöglich, die Teilnehmenden nach Zürich einzuladen. Wir haben uns gefragt, wie der Anlass trotzdem durchgeführt werden könnte. So ist die Idee entstanden, dass alle Teams den Wettkampf im eigenen Land bestreiten könnten. Wir als Organisatoren führen das Ganze in einem Live-Programm zusammen. Die Disziplinen und Aufgaben bleiben die gleichen, nur der Standort ist anders. 

Welche Herausforderungen mussten Sie dabei meistern?

Das Organisationsteam muss alles aus Distanz steuern und koordinieren: Es müssen zum Beispiel Spielleitungen gefunden werden, die sicherstellen, dass das Regelwerk umgesetzt wird. Die Schiedsrichter und -richterinnen mussten wir vor Ort rekrutieren und ausbilden – per Videokonferenzen. Technische und medizinische Prüfungen werden in einer Kombination von Experten vor Ort und mit Experten von uns am Laptop zugeschaltet gemacht. Im Vorfeld haben wir unzählige Online-Meetings durchgeführt, damit alle Teams über die Regeln der Wettkämpfe und den Ablauf des Events Bescheid wissen. Durch die digitalen Konferenzen konnten aber auch der Austausch und die Begeisterung innerhalb der Community gepflegt werden.

Wieso wurde der Cybathlon nicht ins nächste Jahr verschoben? Wäre das nicht einfacher gewesen? 

Der Wettkampf muss noch dieses Jahr stattfinden, um den Teams eine Plattform für ihre Errungenschaften zu geben. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr finanziert werden oder nicht mehr zusammenarbeiten. Uns ist es wichtig zu zeigen, was die Teams entwickelt haben, was der Stand der Forschung ist und wo noch Optimierungsbedarf besteht. Ab 2021 wird es zudem eine neue Cybathlon-Periode mit neuen und teilweise schwierigeren Herausforderungen geben. So werden weitere innovative Technologien entwickelt und die Forschung wird vorangetrieben. Würden wir diesen neuen Projektzyklus hinausschieben, würde die Entwicklung stehenbleiben – das wollen wir nicht. Ausserdem wäre es eine grosse Enttäuschung für alle Teilnehmenden gewesen. Sie arbeiten ja jahrelang am Wettkampf, von der Entwicklung der Geräte bis zum Testen und Trainieren. Und man weiss natürlich nicht, wie lange die Pandemie noch andauert.

 

Roland Sigrist

Leiter Cybathlon, ETH Zürich

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