access_time veröffentlicht 18.06.2020

Fehlendes Fachwissen an entscheidenden Stellen

Carlos Quinto, Departementsverantwortlicher «Public Health, Gesundheitsberufe und Heilmittel» FMH

Fehlendes Fachwissen an entscheidenden Stellen

18.06.2020

Viele Aspekte im Planungsinstrument «Influenza-Pandemieplan Schweiz» fanden auch bei der derzeitigen SARS-CoV-2-Pandemie Anwendung. Doch bei einigen Playern im Gesundheitswesen erfuhr der Pandemieplan geringe Aufmerksamkeit und wurde schubladisiert.

 

Das Interview führte: Matthias Scholer, Chefredaktor SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der Ausgabe der SÄZ Nr. 25/26 am 17. Juni erschienen ist.

 

Der Bundesrat wird seit März von einer «Science Task Force» unterstützt. Ist dies auch als Zeichen zu werten, dass das Wissen rund um Public Health und Medizin auf Stufe der Entscheidungsträger untervertreten ist?

Tatsächlich sind die Leitungsgremien von Behörden auf kantonaler und nationaler Ebene «medizinfrei». In den entscheidenden Positionen sind keine Ärzte, Veterinäre, Pharmazeuten oder weitere ähnliche Berufsgattungen vertreten, die in Pandemiesituationen ihr Fachwissen einbringen können. Viele Stellen im Gesundheitsbereich wurden in letzter Zeit zunehmend nach politischen und nicht nach fachlichen Kriterien besetzt. Im Bereich Public Health stufte man die kantonsärztlichen Dienste herab. Sie haben nun mehr übergeordnete Administrationsstufen zu bedienen. Zudem wurden ihre personellen Ressourcen gekürzt. In Folge konnten die Dienste zu Beginn der Pandemie ihre Aufgaben nicht optimal ausführen. Das Gleiche gilt auf Bundesebene für das Bundesamt für Gesundheit. Dort gibt es ausgezeichnete Public-Health-Expertinnen und Experten. Sie sind aber alle hierarchisch tief angesiedelt. Bis das Fachwissen zu den Entscheidungsträgern vordringt, vergeht wertvolle Zeit. Das ist in Pandemiesituationen deletär.

Ist dieses fehlende Wissen in den Entscheidungsgremien auch der Grund, weshalb der Pandemieplan in vielen Schubladen verschwand?

Der Pandemieplan erfuhr bei den einigen Gremien der Bundesverwaltungen keine oder nur geringe Wertschätzung. Wenn ich Ökonom oder Jurist wäre, würde ich einen Pandemieplan auch schubladisieren, weil ich eine zu grosse Distanz zur Materie hätte. Wenn man in einem Gesundheitswesen den Patienten ins Zentrum stellen möchte, müssen auch die Professionen, bei denen der Patient im Zentrum steht, auf allen Hierarchiestufen genügend vertreten sein. Juristen, Ökonomen und weitere nicht medizinischen Berufe können helfen, die Rahmenbedingungen mitzudefinieren, aber nicht die Medizin selbst. In Public-Health-Bereich hingegen ist interdisziplinär zu arbeiten, wobei „Health“ eine zentrale Rolle einnimmt.

Viele kritisieren die Massnahmen retrospektiv als zu strikt, schliesslich sei die Mortalität bei Covid-19 nicht höher als bei einer schweren saisonalen Grippe. Wie schätzen Sie solche Vergleiche aus Public-Health-Sicht ein?

Die Mortalität ist ein eindeutiger Messwert bei einer Pandemie. Aber, die Mortalität kann erst nach einer Pandemie genau bestimmt werden. Die Mortalität alleine ist der falsche Indikator, um zu beurteilen, ob der Lockdown gerechtfertigt war. Dazu muss man den disease burden als Basis nehmen. Die Krankheitslast hängt wiederum stark von der Prävalenz ab. Wie lange sind die Patienten krank? Wie lange benötigen sie Spitalpflege? Ist eine Rehabilitation nötig? Gibt es bleibende Schäden? Dies sind die Faktoren, welche die Ressourcen eines Gesundheitswesens beanspruchen.

Bei der Spanischen Grippe betrug die Todesrate der zweiten Welle phasenweise ein Vielfaches der Mortalität während der ersten Welle. Droht uns ein solches Szenarium auch bei Covid-19?

Der Schweregrad der nachfolgenden Wellen wird massgeblich davon abhängen, ob es beim Virus zu Mutationen kommt und wie die Resilienz der Bevölkerung ist. Gut möglich, dass sich in Folge beispielsweise mangelnder Bewegung, schlechterer Ernährung, psychischer Belastungen oder ökonomischer Faktoren der Gesundheitszustand der Bevölkerung generell verschlechtert hat. Eines ist sicher, wir werden die Situation erst unter Kontrolle haben, wenn neben Medikamenten auch ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Arzneimittel und Impfstoffe werden kaum mehr in der Schweiz produziert. Denken Sie, dass die Corona-Pandemie in diesem Bereich zu einem Umdenken führen wird?

Wenn wir die Abhängigkeit von aussereuropäischen Ländern reduzieren wollen, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder wird wieder vermehrt in Europa produziert. Dann ist unsere Aussenpolitik gefordert, damit wir einen niederschwelligen Zugang zu den Produkten und die Möglichkeit von Kooperationen erhalten. Oder wir stellen Arzneimittel und Impfstoffe im grossen Stil in der Schweiz her. Aus ökonomischen Gründen müssen wir dann jedoch zumindest Europa mit diesen Produkten beliefern können. Für eine gute Lösung braucht es Gespräche, an denen die Ärzteschaft, die Apothekerschaft, das Bundesamt für Gesundheit, swissmedic und weitere involvierte Player konstruktiv nach einer Lösung suchen.

Werden wir Prämienzahler die Folgen der Betriebsausfälle von Spitälern und Praxen zu spüren bekommen?

Die Betriebsausfälle und Mehrkosten bei den Spitälern sind primär ein durch den Bund, aus nachvollziehbaren Gründen, ausgelöstes Problem der Kantone. Deshalb erwarte ich den grössten Kostenschub bei den Steuern und nicht bei den Krankenkassenprämien, ausser es wird querfinanziert. Wenn es zu massiven Mehrkosten bei den Krankenversicherungen käme, wäre das schwer erklärbar oder politisch gewollt. Auf Seite der privaten Praxen können die behördlich verordneten Verluste vielleicht durch den Nachholbedarf infolge aufgestauter Abklärungen, Beratungen und Behandlungen kompensiert werden.

 

 

 

Carlos Quinto

Departementsverantwortlicher «Public Health, Gesundheitsberufe und Heilmittel» FMH

Bloggen Sie mit!

Wollen Sie auch einen Blogbeitrag publizieren? Dann schreiben Sie uns!

Mail an Redaktion

Verpassen Sie keinen Artikel!

close