access_time veröffentlicht 05.09.2019

«Frauen sollten mehr Selbstvertrauen haben»

Annalisa Berzigotti, Assoziierte Professorin für Hepatologie, Medizinische Fakultät der Universität Bern

«Frauen sollten mehr Selbstvertrauen haben»

05.09.2019

Weshalb nur wenige Frauen eine akademische Karriere in der Medizin verfolgen und wie dieser Mangel korrigiert werden kann.

 

Das Wichtigste in Kürze:

 

  • Das Bundesprogramm für Chancengleichheit von Mann und Frau hatte sich das Ziel gesetzt, bis Ende 2016 einen Anteil von 25 Prozent Professorinnen und 40. Prozent Assistenzprofessorinnen an Schweizer Universitäten zu haben. Die meisten Hochschulen und Fakultäten, insbesondere im Medizinbereich, sind weit davon entfernt.
  • In der Schweiz entscheiden sich rund 10 Prozent der Medizinabsolventinnen und –absolventen für eine akademische Laufbahn. Dabei ist der Anteil von Frauen signifikant tiefer, obwohl fast 60 Prozent der Medizinstudierenden weiblich sind.
  • Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) verlieh 2018 erstmals den Stern-Gattiker-Preis, mit dem weibliche Vorbilder in der akademischen Medizin geehrt werden. Die Interviewpartnerin Annalisa Berzigotti ist die erste Preisträgerin.

 

 

Interview geführt von: Matthias Scholer

 

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der Ausgabe der SÄZ Nr. 38 am 18. September erscheinen wird.

 

Das Postdoktorat bedeutet für viele Frauen Endstation ihrer akademischen Karriere, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt zwischen Karriere und Familie entscheiden müssen. Wie kann man diese Situation verbessern?

 

Tatsächlich ist die Phase nach der Doktorarbeit ein sensibler Moment im Leben einer jungen Ärztin. Es ist ein Zeitpunkt, in dem man beruflich sehr produktiv sein sollte, um sich die Aufstiegschancen nicht zu verbauen. Männer verspüren diesen Druck kaum, bleiben beruflich voll eingespannt und ebnen sich so den Weg zu einer Karriere. Diese Ungleichheit führt bei Frauen häufig zu Karrierelücken. Um dies zu verhindern, ist die Politik gefordert. Es braucht Rahmenbedingungen, dank denen Frauen, in spezifischen Momenten ihres Lebens von Seiten der öffentlichen Hand unterstützen werden. Es überrascht mich beispielsweise wie teuer Kindertagesstätten hierzulande sind. Eine ökonomische Unterstützung in diesem Lebensabschnitt kann für junge Frauen entscheidend sein.

 

Wie gehen Sie mit jungen Mitarbeiterinnen um, die sich zwischen Karriere und Familie entscheiden müssen?

 

Ich höre mir ihre Probleme an und wir diskutieren im Team über Lösungsmöglichkeiten. Frauen müssen verstehen, dass sie trotz Mutterschaft die Möglichkeit haben, eine Karriere zu machen. Ich rate meinen Mitarbeiterinnen immer, eine Frau in der medizinischen Akademie zu kontaktieren, um von ihr persönlich zu erfahren, mit welchen Problemen sie konfrontiert wurde und wie sie diese löste. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch in der medizinischen Akademie genügend Frauen als Vorbilder für junge Kolleginnen und Kollegen haben.   

 

In der Schweiz gibt es in der Medizin nur wenige Frauen, die eine akademische Karriere erfolgreich verfolgt haben. Ein Zeichen, dass die Medizin ein besonders hartes Pflaster ist?

 

In der Medizin ist die klinische Arbeit sehr zeitintensiv. Deshalb ist in diesem Bereich eine akademische Karriere im Vergleich zu anderen Forschungsrichtungen sicher anspruchsvoller. Nichts ist unmöglich. Sie müssen es aber von ganzem Herzen wollen. In unserer Klinik haben wir einige Chirurginnen und Forscherinnen. Für viele ältere Ärztinnen und Ärzte ist es schwer nachvollziehbar, dass sich eine Frau ein solches Leben wünscht. Warum nicht? Eine Kollegin wollte unbedingt eine chirurgische Karriere einschlagen, wurde aber von ihrem Vorgesetzten daran gehindert. Sie blieb ihren Prinzipien treu, ging ins Ausland und arbeitet heute erfolgreich als Chirurgin.

 

Das Bundesprogramm für Chancengleichheit von Mann und Frau peilte einen Anteil von 25 Prozent Professorinnen und 40 Prozent Assistenzprofessorinnen an Schweizer Universitäten an. Die meisten Institutionen sind noch weit davon entfernt. Weshalb?

 

Es sind einerseits die bereits erwähnten Gründe, welche Frauen zu einem jähen Karriereabbruch bewegen. Also braucht es in diesem Bereich Chancengleichheit. Andererseits gibt es auch eine kulturelle Komponente. Frauen sind weniger aggressiv, wenn es um ihre Karriereplanung geht. Frauen sollten mehr Selbstvertrauen haben. Die Gesellschaft treibt die Gleichberechtigung voran. Aber schlussendlich müssen sich Frauen auch trauen, aus alten Rollenmodellen auszubrechen.

 

Wie kann die Gleichberechtigung in der Akademie nachhaltig verankert werden?

 

Es gibt einige interessante Ansätze. So muss in Grossbritannien eine Universität für jede neue Professur auch eine Stelle einer Junior Professorin schaffen. Interessanterweise ist die Produktivität dieser Frauen vorbildlich. Sie sind also nicht bloss Quotenfrauen. Eine andere Möglichkeit ist, dass bei einer Stellenbesetzung die Lebensläufe der engsten Kandidatinnen und Kandidaten anonymisiert dem Auswahlgremium vorgelegt werden. Damit lassen sich unbewusste Vorurteile beseitigen. Eine kleine Massnahme mit grosser Wirkung.

 

 

Weiterführende Links:

 

Annalisa Berzigotti

Assoziierte Professorin für Hepatologie, Medizinische Fakultät der Universität Bern

Bloggen Sie mit!

Wollen Sie auch einen Blogbeitrag publizieren? Dann schreiben Sie uns!

Mail an Redaktion

Verpassen Sie keinen Artikel!

close