access_time veröffentlicht 19.05.2020

Gemeinsam Wissen schaffen

Matthias Egger, Leiter der Swiss National COVID-19 Science Task Force

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Gemeinsam Wissen schaffen

19.05.2020

Dank der Science Task Force soll das Potenzial der Schweizer Wissenschaftsgemeinschaft bei der Bewältigung der Corona-Pandemie optimal genutzt werden.

 

Das Interview führte: Matthias Scholer, Chefredaktor SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der Ausgabe der SÄZ Nr. 23/24 am 3. Juni erschienen ist.

 

Die Science Task Force besteht aus einem Advisory Board und den Expertengruppen. Wie muss man sich die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Einheiten vorstellen und welche Aufgaben übernehmen Sie dabei als Präsident des Gremiums?

Die zehn Expertengruppen bestehen aus jeweils rund fünf Personen, die sich regelmässig virtuell treffen, aktuelle Fragen diskutieren und Arbeitspapiere, sogenannte Policy Briefs, zum aktuellen Stand der Forschung verfassen. Die Leiterinnen und Leiter der Expertengruppen sind im Beratungsgremium vertreten, sodass die Kommunikation gewährleistet ist. Ich leite die virtuellen Sitzungen zusammen mit meinem Vizepräsidenten Martin Ackermann von der ETH und vertrete die Task Force im Krisenstab des Bundes. (Anmerk. d. Red: Die Policy Briefs können online eingesehen werden.)

Eine der drei Hauptaufgaben des Gremiums ist die Beratung der Behörden sowohl auf Bundes- als auch Kantonsebene. Wie viele Anfragen erreichen die Task Force und können Sie uns einige Beispiele für aktuelle Fragestellungen geben?

Jeden Tag erreichen uns mehrere Fragen, auch über das Wochenende. Eine aktuelle Fragestellung betrifft die Modellierung der Epidemie in der Schweiz nach den weiteren Lockerungen der Massnahmen am 11. Mai 2020. Die Expertengruppe «Data and Modelling» arbeitet zurzeit unter Leitung von Professor Sebastian Bonhoeffer der ETH intensiv an Modellen, um die Entwicklung der Reproduktionszahl und anderer Parameter, fortlaufend abschätzen zu können. Professor Manuel Battegay des Universitätsspitals Basel befasst sich mit der Expertengruppe «Clinical Care» momentan mit den Risikofaktoren für einen schweren Verlauf von Covid-19. Ein Arbeitspaper dazu ist vor kurzem publiziert worden.

Die Science Task Force soll zudem Forschungsthemen identifizieren, bei denen die Schweiz rasch einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Covid-19 leisten kann. In welchen Bereichen sehen Sie für den Forschungsplatz Schweiz die grössten Opportunitäten?

Viele Disziplinen können einen Beitrag zur Bewältigung der Covid-19 Krise leisten. An erster Stelle natürlich die Biomedizin. Aber auch die Sozial- und Geisteswissenschaften und die Ingenieurwissenschaften sind wichtig. Zu den Prioritäten gehört derzeit ein besseres Verständnis der Immunantwort und die Entwicklung von wirksamen und sicheren Impfstoffen. Parallel dazu werden die Auswirkungen der Krise auf die Wirtschaft und Gesellschaft erforscht. Der Schweizerische Nationalfonds hat deshalb bereits im März eine Ausschreibung zu COVID-19 lanciert.

Die dritte Aufgabe des Beratungsgremiums ist es, Massnahmen zu definieren, dank denen Innovationen zur Covid-19 Bekämpfung gefördert werden können. Gibt es in diesem Bereich bereits konkrete Handlungsfelder?

Der Bundesrat hat vor kurzem beschlossen, ein nationales Forschungsprogramm Covid-19 ins Leben zu rufen, an dem auch die Schweizer Agentur für Innovation «innosuisse» mitarbeiten wird. Ich gehe davon aus, dass Mitglieder der Task Force dieses Programm begleiten werden.

Welche Rolle wird die Ärzteschaft in der Exit-Strategie spielen?

Sie spielt bereits heute in verschiedener Hinsicht eine wichtige Rolle in der Betreuung der Erkrankten, der Prävention und der Information der Bevölkerung. Und natürlich in der Überwachung der Epidemie. In diesem Zusammenhang möchte ich allen Ärztinnen und Ärzten für die Meldungen von Covid-19 Hospitalisierungen und Todesfällen sowie von neuen Diagnosen danken. Ohne diese Daten können keine verlässlichen Modelle erstellt werden und wir wären nicht in der Lage, die Entwicklung der Epidemie vorherzusagen und Krankenhaus- und Intensivbetten zu planen. Ich weiss aus eigener Erfahrung: das Ausfüllen der Meldeformulare gehört nicht zu den Lieblingstätigkeiten der Ärzteschaft. Aber ein gutes Überwachungssystem wird in den nächsten Wochen sehr wichtig sein. Das Virus kann von asymptomatischen Menschen übertragen werden, und ein guter Teil der Infektionen ist wahrscheinlich auf solche Übertragungen zurückzuführen. Ärztinnen und Ärzte müssen nun zu Detektiven werden und Covid-19-Patienten frühzeitig diagnostizieren, so dass möglichst viele Übertragungsketten unterbrochen werden können. Sie müssen ihren Patienten und deren Umfeld erklären, wie wichtig Testen, Contact Tracing, Isolierung und Quarantäne sind. 

Und haben Sie in diesem Bereich einen Wunsch an die Ärztinnen und Ärzte?

Vor allem: Weiter so! Eine bemerkenswerte Erfolgsbilanz ist die relativ geringe Zahl von infizierten Gesundheitsfachleuten in unserem Land, wobei es meines Wissens keinen einzigen Todesfall gab. In deutlichem Gegensatz zu anderen Ländern. Die Expertengruppe "Infection Control and Prevention" unter der Leitung von Professorin Sarah Tschudin-Sutter des Universitätsspitals Basel verfolgt die Situation aufmerksam. Die Situation in Alters- und Pflegeheimen ist hingegen nicht ganz so positiv wie im Spitalbereich. Hier sind weitere Anstrengungen erforderlich um Covid-19 Ausbrüche zu vermeiden. Wenn ich noch einen Wunsch anbringen darf, wäre es die Bitte nach vollständigeren Daten über den Beginn der Symptome, so dass wir eine Verschlechterung der Situation früher erkennen können. Weiter sind die Angaben über Kontakte mit an Covid-19 Erkrankten, über vorbestehende chronische Erkrankungen und einen allfälligen Aufenthalt auf einer Intensivstation sehr wichtig, um gute Vorhersagen über den weiteren Verlauf der Epidemie machen zu können. Und nochmals: Testen, Testen, Testen!

Welche langfristigen Auswirkungen wird die Corona Pandemie Ihrer Meinung nach auf das Schweizer Gesundheitswesen haben?

Wir sollten darüber nachdenken, wie unser Gesundheitssystem besser auf einen solchen Notfall vorbereitet sein könnte. Wir müssen sicher unser Meldesystem verbessern und digitalisieren. Wir sollten aber auch über die erforderliche Kapazität für PCR-Tests nachdenken, damit wir die diagnostischen Kapazitäten schnell für die Bekämpfung eines neuen Virus einsetzen können. In diesem Zusammenhang frage ich mich, ob sich das Gebärmutterhals-Screening in erster Linie auf die Erkennung von Hochrisiko-HPV-Typen mit PCR-Tests und nicht auf die Zytologie stützen müsste. Wir sollten das Contact Tracing ernster nehmen und Abläufe und Datenerfassung kantonsübergreifend harmonisieren. SARS-CoV-2 wird wohl für immer bei uns bleiben, auch wenn es eine wirksame Impfung gibt. Die Infektion wird viele Bereiche der Medizin betreffen und könnte als entzündliches Multisystem-Syndrom langfristige Auswirkungen auf verschiedene Organe haben. Nicht zu vergessen die psychologischen und psychiatrischen Auswirkungen.

 

 

Matthias Egger

Leiter der Swiss National COVID-19 Science Task Force

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