access_time veröffentlicht 20.01.2021

«Ich halte nichts von Selbstdarstellung»

Jürg Schlup, Scheidender Präsident der FMH

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«Ich halte nichts von Selbstdarstellung»

20.01.2021

Im Jahr 2012 wurde Jürg Schlup, für viele überraschend, zum Präsidenten Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH gewählt. Ende Januar gibt er nun die Leitung an seine Nachfolgerin Yvonne Gilli ab. Zeit, auf acht bewegte Jahre zurückzublicken.

 

Das Interview führte: Matthias Scholer, Chefredaktor SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der SÄZ-Ausgabe Nr. 4 am 27. Januar erschienen ist.
 

In Ihrem ersten Editorial in der Schweizerischen Ärztezeitung (SÄZ) schreiben Sie in Anspielung an die divers zusammengesetzte Ärzteschaft: «Ein Orchester kann nur im respektvollen Zusammenspiel aller Interpreten ein stimmiges Gesamtresultat erreichen.» Konnten Sie als Dirigent die einzelnen Musiker entsprechend harmonisch einstimmen?

Dies habe ich zumindest angestrebt, und ich denke, ich war damit auch einigermassen erfolgreich. Unser standespolitisches Orchester kann sich nur durch präzises Zusammenspiel Gehör verschaffen. Als Dirigent muss man ein kooperatives Klima schaffen und auch die­jenigen, die am liebsten nur Solos spielen würden, einbinden. Nur so kann ein Orchester oder eine Standesorganisation gemeinsam Erfolge erzielen.


Sie wurden in der Presse gerne als stiller, aber beharrlicher Schaffer beschrieben. Täuscht dieser Eindruck?

Ich bin beharrlich und sehr ausdauernd. Ich halte nichts von Selbstdarstellung. Sie hilft uns nicht weiter. Entscheidend ist allein die Wirkung im Ziel. Und ich gehe immer davon aus, dass der andere auch recht haben könnte. Mir sind Verantwortungsgefühl und Augenmass entscheidend wichtig, beides habe ich bei meinen Gegenspielern oft vermisst. Und ich weiss, dass in der Politik und in der Standespolitik der Konsens ein knappes Gut ist und damit wertvoll. Und schliesslich war mir stets bewusst, dass es mit der FMH über 100 Jahre lang ja auch gegangen ist, bevor ich zum Präsidenten gewählt wurde.


Wenn Sie auf Ihre Legislatur zurückblicken, welches waren die Höhepunkte, an die Sie sich heute noch mit Freude und Genugtuung zurückerinnern?

Es gibt viele Ereignisse, an die ich mich gerne erinnere. Der grösste Erfolg war die Revision des ambulanten Arzttarifs. Der Dachverband der Krankenversicherer hatte mich 2012 freudig begrüsst, weil – wie mir gesagt wurde – nun nach Jahren wieder ein konstruktiver Dialog möglich wurde. 2015 gelang es uns dann, mit den Kranken- und Unfall-Versicherern eine gemeinsame Tariforganisation zu gründen. Letztlich haben wir 2019 mit der Einreichung des TARDOC gemeinsam mit den innovativen Krankenversicherern und unterstützt von den Unfallversicherern bzw. der MTK ein grosses Ziel erreicht. Aber auch andere Themen konnten wir vorantreiben, zum Beispiel die Qualität mit dem Label «reponsibel practice FMH» oder die interprofessionelle Zusammenarbeit durch die Förderung von Physician Associates. Intern war es eine grosse Herausforderung, den Ärztekammerbeschluss von 2015, das Budget um 20% zu reduzieren, umzusetzen. Und ganz besonders habe ich mich gefreut, als ich trotz vielen schwierigen Themen und verbandinternem Tarifstreit 2016 von der Ärztekammer mit 161 von 167 Stimmen wiedergewählt wurde.


Und über welche Niederlagen ärgern Sie sich noch heute?

Auch der schlimmste Tiefpunkt ist mit dem ambulanten Arzttarif verbunden. Die Ablehnung des revidierten ambulanten Arzttarifs 2016 durch unsere Mitglieder bei tiefer Stimmbeteiligung hat der Ärzteschaft politisch sehr geschadet. Die vielen Vorstösse in Bundesbern, die auf eine Abschaffung der Tarifautonomie und Staatstarife zielen, machten sich das zu nutze.


Mit Yvonne Gilli präsidiert ab dem 1. Februar zum ersten Mal eine Frau die FMH. Auch das SIWF wird mit der Wahl von Monika Brodmann zur Präsidentin weiblicher. Ein Zeichen, dass künftig mehr Frauen auch in weiteren Kaderpositionen Einsitz halten sollten?

Es ist schon ein wichtiges Signal, dass zwei Frauen diese Positionen besetzen. Obwohl der Frauenanteil in unserem Beruf in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist, sind Frauen in den Kaderpositionen weiterhin unterrepräsentiert. Ärztinnen in standespolitischen Kaderpositionen sind nicht nur als Vorbilder wichtig, sie können sich auch mit einem anderen Erfahrungshintergrund für gute Rahmenbedingungen und Chancengleichheit einsetzen.


Sowohl beruflich als auch politisch hat Yvonne Gilli ein ziemlich anderes Profil als Sie. Trotzdem wurde Frau Gilli mit einer grossen Mehrheit gewählt. Wie interpretieren Sie dieses Resultat? Braucht es einen frischen Wind in der Ärzteschaft und der Standes­politik?

Frischen Wind braucht es immer wieder, besonders im Gesundheitswesen, wo wir mitten in einer sehr dynamischen Entwicklung stehen. Das war auch ein wesentlicher Grund, warum ich nicht für eine dritte Amtsperiode angetreten bin.


Was sind die Pläne für Ihre eigene Zukunft? Zurück in die Hausarztpraxis oder doch eher etwas beruflich kürzertreten?

Ich musste und durfte ad hoc mein Präsidium – Corona-bedingt – ein halbes Jahr verlängern. Das hat auch meine Planung augenblicklich verändert. Jetzt schaue ich mal, dann werde ich sehen.

 


Literatur
1    Le Petit Prince von Antoine de Saint-Exupéry.
2    Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft, ­Universität Zürich.
3    Sorgenbarometer 2020 der Credit Suisse.
 

Jürg Schlup

Scheidender Präsident der FMH

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