access_time veröffentlicht 05.10.2021

Kompetenz in allen Bereichen

Monika Brodmann Maeder, Präsidentin des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF)

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Kompetenz in allen Bereichen

05.10.2021

Welche grundlegenden Änderungen braucht es, um die Arbeitsqualität der Ärzteschaft auch künftig auf hohem Niveau zu halten? Monika Brodmann Mäder erläutert, wie das SIWF diese Herausforderungen meistern will.

 

Das Interview führte: Matthias Scholer, Chefredaktor SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches am 13. Oktober in der SÄZ 41 erscheinen wird.

 

Frau Brodmann, Sie leiten seit diesem Februar das SIWF. Welche Zwischenbilanz können Sie ziehen?

Ich habe ein professionelles und höchst motiviertes Team von meinem Vorgänger übernommen. Dank diesem kann ich mich effizient um die anstehenden Reformen im Bereich Weiter- und Fortbildung kümmern.

Lassen Sie uns zuerst über die anstehenden Veränderungen in der Weiterbildung sprechen. Worauf legen Sie in diesem Bereich den Fokus?

Auf die Einführung der kompetenzbasierten Weiterbildung. Mein Vorgänger Werner Bauer hat in diesem Bereich schon wertvolle Vorarbeit geleistet. Mein Ziel ist es nun, die CBME (Anmerk. d. Redaktion CBME – Competency-Based Medical Education) über alle Fachgebiete hinweg, für sämtliche Ärzt:innen in Weiterbildung und in jeder Weiterbildungsstätte zu implementieren. 

CBME ist seit den 1970er-Jahren immer wieder ein Thema. Obwohl der kompetenzbasierte Ansatz logisch und zielführend scheint, konnte sich diese Form der Weiterbildung in der Schweiz bislang kaum durchsetzen. Weshalb?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ein entscheidender Punkt ist sicherlich, dass in der universitären Ausbildung der Medizinstudierenden die Mehrheit der Professor:innen ihrerseits mittels klassischen Methoden wie Frontalunterricht und einem grossen Anteil an Selbststudium unterrichtet wurden. Diese Unterrichtsform haben sie dann später in ihrer Rolle als Aus- und Weiterbildner:innen übernommen. Zudem verläuft bis heute die typische Laufbahn zu einer Professur über Forschung, Publikationen und eine Habilitation im jeweiligen Fachbereich. Nur am Rande müssen sich die Anwärter:innen im Rahmen eines Didaktik-Kurses auch mit dem Thema Bildung auseinandersetzen. 

Sie plädieren also für eine vertiefte Ausbildung der Weiterbildner:innen im Bereich der Lehre?

Ja, in einem ersten Schritt vor allem für Personen in leitenden Positionen. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass eine gute Ärztin oder ein guter Forscher automatisch auch eine gute Lehrperson ist – «teachers are made, not born». Wir sagen auch nicht, eine Lehrerin, ein Lehrer kann ohne entsprechende Ausbildung an den Schulen Wissen vermitteln. Auch sie müssen eine entsprechende Ausbildung durchlaufen und sich danach kontinuierlich weiter- und fortbilden.

Dank der Einführung des Lernzielkataloges PROFILES sollten im Medizinstudium die Curricula hin zu einer kompetenzbasierten Medizin angepasst werden. Wie sind in diesem Bereich die Fortschritte?

Grundsätzlich sind mit PROFILES die nötigen Rahmenbedingungen gegeben. Es zeigt sich, dass Fakultäten, die erst seit Kurzem ein Medizinstudium anbieten, es leichter haben, ein neues Curriculum zu entwickeln und im Alltag zu implementieren. Zu den Universitäten, die neu dazugestossen sind und ihre Studiengänge quasi auf der grünen Wiese entwickeln konnten, gehören die Universitäten St. Gallen, Fribourg und Lugano und die ETH Zürich.

Gibt es ähnliche Vorreiter seitens der Fachgesellschaften?

Ein Musterbeispiel ist die Kardiologie. Die Kardiologen haben ihr Weiterbildungsprogramm komplett kompetenzbasiert ausgerichtet. Der Vorstand des SIWF hat dieses bereits verabschiedet. Bis zur Umsetzung müssen wir nun jedoch noch abwarten, bis alle beteiligten Weiterbildungsstätten entsprechend vorbereitet sind, die Weiterzubildenden entsprechend betreuen zu können. Auch das Swiss College of Surgeons ist dabei, ein kompetenzbasiertes Konzept für ihre Ärzt:innen in Weiterbildung einzuführen. Vonseiten Alterspsychiatrie, Gynäkologie und Geburtshilfe und weiteren Fachgesellschaften wird ebenfalls Interesse an einer entsprechenden Überarbeitung ihrer Weiterbildungsprogramme signalisiert. Das SIWF unterstützt sie dabei. 
Im Vergleich zu den herkömmlichen Programmen, die über zwanzig Seiten bis ins letzte Detail aufzählen, was man während einer Weiterbildung darf und was nicht, kommen die kompetenzbasierten Programme viel einfacher und klarer rüber. Aber: Mit der Ausarbeitung von EPAs (Anmerk. der Redaktion: EPA – Entrustable Professional Activities) allein ist es nicht getan. Es braucht flankierend einen Kulturwandel aller beteiligten Player auf sämtlichen Stufen.  

Wie kann bei den Weiterbildungsstätten ein entsprechender Kulturwandel angestossen werden?

Erstens müssen wir uns zusammen mit den Kantonen überlegen, ob wir künftig Weiterbildungsstätten, welche ihre Weiterbildungen kompetenzbasiert anbieten, mit entsprechenden finanziellen Anreizen belohnen sollten. Zweitens müssen wir die Bildungsexpertise bei den Weiterbildner:innen erhöhen. Die «teach-the-teacher»-Kurse, welche das SIWF bereits seit einigen Jahren erfolgreich anbietet, sind eine Möglichkeit, sich im Bereich der medizinischen Weiterbildung weiterzuentwickeln. Diese in Zusammenarbeit mit dem Royal College of Physicians of London angebotenen Workshops werden derzeit durch unsere eigenen Bildungsexpert:innen noch stärker an die Schweizer Verhältnisse angepasst. Zudem wird das Thema der digitalen Möglichkeiten im Weiterbildungsbereich stärker gewichtet. 

Langfristig wird auch ein Kontinuum zwischen Aus- und Weiterbildung angestrebt. Wie wirkt sich dies auf die Laufbahn künftiger Ärzt:innen aus?

Heute absolvieren die Studierenden ein Medizinstudium, schliessen dieses ab und dann beginnt ein neues Kapitel, bei dem sie wieder bei null beginnen. Dies muss sich ändern. Ziel muss eine kontinuierlich steigende Lernkurve vom Studienbeginn bis zum Abschluss der Weiterbildung mit möglichst gut überwindbaren Stufen sein. Um diese Kontinuität zu erreichen, braucht es jedoch einen engen Austausch zwischen den Fakultäten und den Weiterbildungsverantwortlichen.  

 

 

Monika Brodmann Maeder

Präsidentin des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF)

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