access_time veröffentlicht 10.09.2020

«Nehmen Sie selbst das Virus ernst und werden Sie so zum Vorbild»

Martin Ackermann, Leiter der «Swiss National COVID-19 Science Task Force»

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«Nehmen Sie selbst das Virus ernst und werden Sie so zum Vorbild»

10.09.2020

Martin Ackermann, der neue Leiter der Science Task Force, äussert sich im Interview mit der SÄZ über die aktuellen Herausforderungen rund um Covid-19.

 

Das Interview führte: Matthias Scholer, Chefredaktor SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der Ausgabe der SÄZ Nr. 38 am 16. September erschienen ist.


SARS-CoV-2 wird gelegentlich mit Influenza verglichen und behauptet, die Mortalität der beiden Viruserkrankungen sei vergleichbar. Folglich seien die einschneidenden Massnahmen im Kampf gegen Covid-19 übertrieben. Ist SARS-CoV-2 wirklich so gefährlich?

Stand heute gibt es unter den Forschenden weltweit und auch innerhalb der Task Force einen grossen Konsens, dass die Infektionssterblichkeit von Sars-CoV-2 zwischen 0.5%-1% liegt – das ist 5- bis 10-mal höher als bei der saisonalen Grippe. Zudem fehlt bei SARS-CoV-2 eine relevante Grundimmunität in der Bevölkerung. Es ist klar geworden, dass dieses Virus gefährlich ist. Es kann das Gesundheitssystem überlasten und grosse Schäden anrichten, gesundheitliche wie auch wirtschaftliche.

 

Unter Expertinnen und Experten wird die Frage nach dem Nutzen einer Durchseuchung der Bevölkerung kontrovers diskutiert. Wie stehen Sie persönlich zu dieser Frage?

Die Task Force diskutiert diese Frage intensiv und wird in Kürze ein Papier dazu publizieren. Aus unserer Sicht ist klar: Eine Durchseuchung funktioniert nicht. Ein erstes und grosses Problem ist, dass wir zurzeit nicht wissen, ob und wie lange jemand nach einer Ansteckung immun ist. Es ist möglich, dass Menschen bereits ein paar Monaten nach einer Infektion erneut infiziert werden können. Wir können also nicht davon ausgehen, dass eine Durchseuchung genügen würde, um weitere Infektionen zu verhindern. SARS-CoV-2 könnte weiter zirkulieren und die Epidemie würde nicht zum Stillstand kommen.

 

Gibt es noch weitere Argumente gegen die Durchseuchungsstrategie?

Diese Überlegungen setzen voraus, dass die Epidemie immer unter Kontrolle bleibt und das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Die Erfahrungen aus der ersten Phase der Pandemie haben aber gezeigt, dass es praktisch unmöglich ist, die Verbreitung des Virus vollständig zu kontrollieren oder besonders gefährdete Menschen zu schützen. Hinzu kommt, dass es noch sehr viele offene Fragen gibt, wer, warum zu einer Risikogruppe gehört, resp. sich gezeigt hat, dass auch jüngere Menschen, die eigentlich nicht zur Risikogruppe gezählt werden, schwere Krankheitsverläufe und Langzeitschäden haben können. Zudem wäre der Versuch einer Durchseuchung eine enorme Belastung für die Gesellschaft und die Wirtschaft.

 

Wie gut gelingt es der Task Force, die von Ihr bereitgestellte wissenschaftliche Evidenz in die Politik zu bringen? Was ist dabei förderlich, was ist hinderlich?

Ich sage immer: Wir bringen die wissenschaftliche Sicht ein, doch wir sind eine Stimme unter anderen. Anderer Meinung zu sein und sich darüber auszutauschen, ist in einer so aussergewöhnlichen Situation dringend notwendig – sonst würde man sich womöglich in eine Richtung verrennen.  

 

Bei der Impfstoffforschung gegen das Coronavirus haben genetische Impfstoffe die Nase weit vorne. Man weiss jedoch noch wenig über eventuelle Nachteile solcher Vakzine. Ist das nicht gefährlich?

Bei allen Impfstoffen muss die Sicherheit an erster Stelle stehen. Genetische Impfstoffe bergen meiner Meinung nach nicht grundsätzlich ein höheres Risiko, aber wir haben in der Tat noch wenig Erfahrung damit. Doch genetische Impfstoffe haben auch Vorteile – zum Beispiel sind unbeabsichtigte Infektionen ausgeschlossen. Und bei solchen Impfstoffen verläuft zudem die erste Phase der Entwicklung viel schneller, was in der aktuellen Situation natürlich ein Pluspunkt ist.

 

Welche Massnahmen wären aus Ihrer Sicht angezeigt, falls die Schweiz von einer ausgeprägten zweiten Welle überrollt wird?

Die wichtigen Massnahmen sind ja alle bekannt: Abstand, Hygiene und Masken. Bei einem Anstieg der Fallzahlen müssen wir diese Mittel intensivieren. Dem Abstandhalten im persönlichen und geschäftlichen Umfeld kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Steigen die Fallzahlen sollten die Menschen wieder vermehrt im Homeoffice arbeiten und auch in ihrem Privatleben darauf achten, Abstand zu Mitmenschen zu wahren.

 

Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass mittelfristig erneut medizinische Tätigkeiten verboten oder eingeschränkt werden, um die Kapazitäten der Gesundheitsversorgung sicherzustellen?

Auch die Spitäler und Praxen stehen vor der gleichen Herausforderung wie die Gesellschaft insgesamt: Nämlich flexibel auf die epidemiologische Entwicklung reagieren zu müssen. In der Schweiz haben wir viel gelernt und zusätzliche Ressourcen bereitgestellt, das heisst wir stehen nicht mehr am gleichen Punkt wie im März oder April. Auch die Spitäler müssen vorausschauend planen und wissen, wann es eng wird. Ziel ist natürlich, dass nicht erneut medizinischen Tätigkeiten verboten oder eingeschränkt werden müssen.  

 

Was möchten Sie der Ärzteschaft noch mitteilen?

Wir können Sars-CoV-2 nur gemeinsam eindämmen. Hier spielen die Ärztinnen und Ärzte natürlich eine entscheidende Rolle. Ermuntern sie zum Testen, auch bei nur schwachen Symptomen. Sammeln Sie möglichst vollständige Daten und leiten Sie diese weiter. Nehmen Sie selbst das Virus ernst und werden Sie so zum Vorbild.     

 

 

 

Martin Ackermann

Leiter der «Swiss National COVID-19 Science Task Force»

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