access_time veröffentlicht 27.01.2020

Notfallversorgung im digitalen Zeitalter

Thomas C. Sauter, Oberarzt, Leiter Bildung, eHealth und Telenotfallmedizin, Universitäres Notfallzentrum, Inselspital Bern

Notfallversorgung im digitalen Zeitalter

27.01.2020

Das Inselspital Bern möchte dank der neuen Abteilung «eNotfallmedizin» die Forschung, aber auch den kritischen Umgang mit der digitalen Medizin vorantreiben.

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Am Universitären Notfallzentrum des Inselspitals wurde im 2019 eine Abteilung „eNotfallmedizin“ etabliert.
  • Auf Herbst 2020 soll dieser Abteilung eine Stiftungsprofessur für Telenotfallmedizin angegliedert werden.
  • Mit dem Begriff eNotfallmedizin werden elektronische Medien zusammengefasst, welche in der Notfallmedizin bei der Diagnostik und Therapie sowie Ausbildung zum Einsatz kommen.
  • Zur eNotfallmedizin gehören beispielsweise mobile Kommunikations- und Übertragungssysteme, mit denen Patientendaten über grosse Distanzen zeitnah übermittelt werden können, aber auch digitale Hilfsmittel wie Virtual Reality im Bereich der Ausbildung von Notfallmedizinern.
  • Am 13. Februar 2020 findet in Bern der Schweizer Kongress für Telenotfallmedizin und Digital Health statt.

 

 

Thomas C. Sauter wurde von Matthias Scholer interviewt

Welche Ziele sollen mit der Gründung der neuen Abteilung „eNotfallmedizin“ erreicht werden?

In erster Linie wollen wir das Thema Notfallversorgung im digitalen Zeitalter aus wissenschaftlicher Perspektive angehen. Zusätzlich möchten wir aber auch eine Diskussion mit Vertretern aller in der Notfallmedizin involvierten Disziplinen anregen und mit wissenschaftlichen Fakten unterstützten. Mittel- und langfristig sollte so auch die Basis geschaffen werden, den Ärztinnen und Ärzten in der Aus- und Weiterbildung das nötige Wissen, für einen kompetenten Umgang mit den verschiedenen Applikationen und Angeboten zu vermitteln.

Können Sie uns Beispiele für mögliche Forschungsprojekte nennen?

Auf Patientenseite könnte es beispielsweise von Interesse sein, zu analysieren welche Patientengruppen bereits telemedizinische Angebote nutzen und welche nicht, und welches die Gründe für das entsprechende Verhalten sind. Und was benötigen Patienten, um optimal von den neuen technischen Möglichkeiten zu profitieren?
Auf Ärzteseite wäre es spannend, zu erforschen, weshalb in der Schweiz erst die Hälfte der Ärzteschaft Patientenakten elektronische führt oder weniger als 10% der Ärztinnen und Ärzte telemedizinische Konsultationen anbieten. Ein weiterer Bereich ist die „Outcome-Forschung“. In diesem Bereich besteht weltweit noch viel Nachholbedarf. Welchen Nutzen bringt eine bestimmte Applikation im Klinikalltag? Lässt sich damit die Mortalität senken? Kann damit ein Spitalaufenthalt verkürzt werden?

Sie haben die Wissensvermittlung rund um die eNotfallmedizin in der Lehre erwähnt. Können Sie dies etwas konkretisieren?

Im Lernzielkatalog PROFILES werden Kompetenzen in Notfallmedizin gefordert. In den kommenden Jahren erwarten wir in Bern einen Zuwachs von rund hundert Medizinstudierenden pro Jahreskurs. Simulationsbasierte Trainingsprogramme, die Ort und Zeit unabhängig in Virtual Reality angeboten werden, könnten helfen, Kapazitätsengpässe in der Ausbildung zu vermeiden.
Aber auch im Bereich der Weiterbildung werden Entscheidungshilfe-Tools oder Applikationen zur digitalen Triage eine immer zentralere Rolle spielen. Ein professionelles Bildungsangebot in digitaler Medizin muss deshalb ein obligatorischer Teil der Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten werden.   

Welche Voraussetzungen sind nötig, dass möglichst viele Akteure im Gesundheitswesen von der Akademisierung dieser jungen Disziplin profitieren?

Die Erkenntnisse aus den Forschungsprojekten dürfen nicht für universitäre Betriebe reserviert bleiben. Es braucht eine breite Diskussion, in die auch Netzwerke von Arztpraxen und kleinere Spitäler miteinzubeziehen sind. Dank der Schweizer Digitalisierungsstrategie sind die dafür notwendigen Rahmenbedingungen gegeben. Es ist nun an der Zeit, die Möglichkeiten digitaler Errungenschaften wie Telemedizin und künstliche Intelligenz aktiv voranzutreiben. Damit diese Innovationen die optimale Wirkung auf die künftige notfallmedizinische Tätigkeit entfalten können, müssen Ärztinnen, Ärzte aber auch Patientinnen und Patienten befähigt werden, sich mit Fragestellungen rund um das Thema eHealth vertieft, kompetent aber auch kritisch auseinanderzusetzen. Und dafür braucht es solide Daten, und Spezialisten.

 

Weiterführende Links:

 

 

Thomas C. Sauter

Oberarzt, Leiter Bildung, eHealth und Telenotfallmedizin, Universitäres Notfallzentrum, Inselspital Bern

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