access_time veröffentlicht 22.06.2021

Qualitätsindikatoren – Nutzen und Grenzen

Prof. Dr. med. Maria Wertli, Präsidentin Qualitätskommission Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin SGAIM

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Qualitätsindikatoren – Nutzen und Grenzen

22.06.2021

Die Qualitätskommission der SGAIM präsentiert erstmals die neuen Qualitätsindikatoren für die stationäre Behandlung. Interview mit Prof. Dr. med. Maria Wertli, Präsidentin der Kommission.

 

Frau Wertli, warum legt die SGAIM so viel Wert auf die Qualitätsarbeit?

Die SGAIM engagiert sich schon seit Jahren für eine hohe Qualität in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung, da dieses ein Schlüsselthema für unsere Fachgesellschaft darstellt. Die Behandlungsqualität gewinnt aber nicht nur innerhalb der Ärzteschaft, sondern auch in der Öffentlichkeit und bei Kostenträgern zunehmend an Bedeutung. 
Fachärztinnen und -ärzte der für Allgemeine Innere Medizin begleiten die Patientinnen und Patienten sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich umfassend. Mit den präsentierten Indikatoren tragen wir dazu bei, dass die Qualität dieser Arbeit sich kontinuierlich verbessert und auch sichtbarer wird. 
Das Bedürfnis, Qualität darzustellen, steigt und es werden teils unrealistische Forderungen gestellt. Die SGAIM Qualitätskommission hat entschieden, die Diskussion proaktiv mitzugestalten. 
Das Ziel von Indikatoren soll in erster Linie sein, einen Qualitätsverbesserungszyklus zu begleiten und zu messen, ob die durchgeführten Massnahmen auch zum gewünschten Effekt führen. In einem ersten Indikatorenset wird dargestellt, wie diese eingesetzt werden können und wo ihre Chancen aber auch ihre Limitationen sind.

Der Spitalalltag ist heute schon sehr belastet mit Administration. Sind diese Indikatoren jetzt nicht noch eine zusätzliche administrative Belastung?

Qualität bedeutet immer auch Arbeit und Aufwand. Es war der Qualitätskommission aber sehr wichtig ist, dass die Indikatoren im bestehenden klinischen Prozess eingesetzt werden können und möglichst wenig zusätzlichen administrativen Aufwand verursachen. 
Der personelle Aufwand für Schulungen und Erfassung ist finanziell nicht abgegolten und nicht jedes Spital verfügt über die entsprechende Infrastruktur, um die Indikatoren abzufragen. Leider gibt es mehr Transparenz in der Qualität nicht zum Nulltarif. Dieses müssen auch die Gesetzgeber und Kostenträger begreifen und diese relevante Arbeit auch aufwandgerecht vergüten.

Viele Ärztinnen und Ärzte sind überzeugt, dass auch ohne solche Vorgaben zum Messen und Dokumentieren eine hohe Qualität erreicht wird. Warum braucht es denn jetzt diese Indikatoren?

Das stimmt. Indikatoren können aber einen systematischen Qualitätsverbesserungszyklus zusätzlich unterstützen. Die Qualitätskommission hat hier eine Auswahl an Indikatoren getroffen, die sie für geeignet erachtet, um in der komplexen klinischen Praxis auf Abteilungen der Allgemeinen Inneren Medizin eingesetzt zu werden. Insbesondere bei multimorbiden Patienten ist dies eine Herausforderung. 

Was unternimmt die Qualitätskommission, damit die Einführung der Indikatoren im Spitalalltag reibungslos funktioniert? 

Das Ziel der Qualitätskommission ist nicht, dass alle Indikatoren umgesetzt werden sollen. Die Qualitätskommission will geeignete Instrumente zur Verfügung stellen, um systematische Qualitätsverbesserungsprozesse zu begleiten. Zudem soll aufgezeigt werden, wie diese im Alltag umgesetzt werden können. Daher werden wir verschiedene Ressourcen auf unserer Webseite zur Verfügung stellen, welche die Umsetzung und Einführung im Spitalalltag vereinfachen sollen.

Wie gewährleisten Sie die Akzeptanz der Q-Indikatoren?

Die Qualitätskommission hat die Indikatoren durch verschiedene Experten beurteilen lassen und deren Rückmeldungen berücksichtigt. Insbesondere wurde auch die Meinung des Vorstands der Vereinigung der Internistischen Chef- und Kaderärzte/-innen (ICKS) eingeholt. Indikatoren werden bereits heute erfasst und Spitäler miteinander verglichen. Diese sind jedoch in der Regel nicht in einen klinischen Prozess eingebettet. Das Ziel der Qualitätskommission ist es, aufzuzeigen wie Indikatoren in einem Qualitätsverbesserungszyklus eingesetzt werden können. 

Die Indikatoren richten sich an den stationären Bereich. Wie sieht die Qualitätsarbeit im allgemeininternistischen ambulanten Setting aus? Gibt es auch dafür Qualitätsindikatoren?

Die Qualitätskommission hat weitere sechs Indikatoren für den ambulanten Bereich ausgearbeitet. Die Indikatoren sind im Moment noch bei externen Experten im Reviewprozess. Wir planen eine Publikation später in diesem Jahr.

«Qualitätsarbeit» ist im gesamten Gesundheitswesen ein hochaktuelles Thema. Wie macht die Qualitätskommission die Einführung der Indikatoren sichtbar und wie begleitet sie diese kommunikativ auch gegenüber weiteren Dialoggruppen, wie der Politik, der Öffentlichkeit oder interprofessionellen Partnern?

Die SGAIM Qualitätskommission plant verschiedene Beiträge dazu, wie Qualitätsverbesserungsprozesse in der klinischen Praxis umgesetzt und mit Indikatoren begleitet werden können. Die Qualitätskommission ist in weiteren Bereichen proaktiv tätig. So hat die Qualitätskommission zusammen mit mfe, Im Hinblick auf die Umsetzung des KVG Art. 58, an einem Pilotprojekt der Schweizerische Akademie für Qualität in der Medizin (SAQM) in Zusammenarbeit mit den Versicherungen teilgenommen. Unser Ziel ist es, dass auch die Politik und die breite Öffentlichkeit wahrnimmt, dass hier aktiv an einer laufenden Qualitätsverbesserung gearbeitet wird und dies unseren Patientinnen und Patienten zu Gute kommt. Diese Sensibilisierung und Positionierung sind wichtig. 

 

Zur Person

Maria Wertli präsidiert seit März 2019 die Qualitätskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM). Sie arbeitet als Leitende Ärztin in der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin im Inselspital Bern. Ab Januar 2022 wird sie neue Direktorin des Departements Innere Medizin am Kantonsspital Baden (KSB).

 

Prof. Dr. med. Maria Wertli

Präsidentin Qualitätskommission Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin SGAIM

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