access_time veröffentlicht 19.03.2020

«Weg von einer auf das Spital fokussierten Medizin!»

Philippe Schaller, Allgemeinmediziner, Gründer von Cité générations, Onex, Kanton Genf

«Weg von einer auf das Spital fokussierten Medizin!»

19.03.2020

Wie können wir für eine alternde Bevölkerung sorgen und dabei Hospitalisationen vermeiden? Eine Antwort auf diese gesundheitspolitische Herausforderung bietet Cité générations.

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Cité générations, das erste Gesundheitszentrum der Schweiz, wurde 2012 in Onex (GE) eröffnet. Initiant ist Dr. Philippe Schaller, Allgemeinmediziner.
  • Diese neue Form von Pflegezentrum verbindet Public Health und Grundversorgung. Ziel ist es, übermässige Hospitalisationen zu vermeiden, die Autonomie geschwächter Menschen zu erhalten und eine Antwort auf die demographische Entwicklung zu bieten.
  • Sie bietet unter anderem Notfallstation, Kurzzeitstationen in der Geriatrie und Rehabilitation, Radiologie, Pharmazie, Allgemeinmedizin und fachspezifische Bereiche, Physiotherapie und soziale Unterstützung.
  • Der Kanton Genf wird vier weitere Gesundheitszentren eröffnen. Ähnliche Projekte werden an anderen Standorten in der Schweiz bereits realisiert.

 

 

 

Interview geführt von: Julia Rippstein

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der SÄZ-Ausgabe Nr. 11 am 11. März erschienen ist.

 

Dr. Philippe Schaller, wie ist Cité générations entstanden?
Alles begann mit einer einfachen Erkenntnis. Als ich bei der Groupe Médical d’Onex arbeitete, gelang es uns nicht, die Bevölkerung in der Region umfassend zu betreuen. Uns fehlte die Zusammenarbeit mit Partnern im Medizin- und Sozialbereich. Nach meinem Master-Abschluss in öffentlicher Gesundheit in Montréal begann ich 2003 das Projekt Cité générations zu entwickeln. Für mich stand fest, dass es für eine Optimierung der Gesundheitsversorgung, insbesondere der schwächeren Bevölkerungsschichten, ein umfassendes, lokales Leistungsangebot mit optimaler Nutzung der Personal-, Finanz- und Informationsressourcen braucht. Eine auf Nachbarschaftsdienste basierende Struktur, die sich ihrerseits gegenüber der Nachbarschaft verantwortlich zeichnet.


Können Sie das konkretisieren?
Cité générations gründet auf den Prinzipien Kontinuität, Nähe, Einfachheit und Interprofessionalität. Damit entsteht unter den verschiedenen Gesundheitsakteuren eine neue Dynamik. Denn erst eine komplette Neuordnung der medizinischen Grundversorgung, der Fachärzte, des Pflegepersonals, der Apotheker, paramedizinischer Dienstleistungen und der ortsansässigen Sozialdienstleister ermöglicht eine umfassendere Betreuung der gesamten regionalen Bevölkerung. Bei Cité générations kennen wir sowohl die medizinischen als auch die sozialen Gegebenheiten unserer Patienten. Dies ermöglicht eine kohärente, auf die einzelnen Lebensphasen abgestimmte Planung der Pflege.


Welche Rolle spielt der Arzt in dem von Ihnen angestrebten Gesundheitssystem?
Unser gegenwärtiges System fokussiert zu stark auf den Arzt. Bestimmte ärztliche Leistungen sollten an andere Fachpersonen delegiert werden. Sprechstunden von morgens bis abends sind kein Garant, dass man sich gut um seine Patienten kümmern kann. Qualität in der Pflege braucht Zeit, dazu müssen dem Arzt bestimmte Aufgaben abgenommen werden. Ein Beispiel: Von den 36 000 Einlieferungen in unsere Notaufnahmen könnte etwa ein Drittel von anderen entsprechend gut ausgebildeten Fachpersonen versorgt werden. Wir haben bei uns eine interprofessionelle Zusammenarbeit gestartet und mit Apothekern und Pflegenden Betreuungsprotokolle ausgearbeitet. Ein Umdenken im Gesundheitssystem verlangt auch ein Überdenken der Rolle der beteiligten Berufsgruppen. Auch der Patient muss dabei eine aktivere Rolle übernehmen und seine Wünsche besser zum Ausdruck bringen können.


Ist Cité générations die Lösung für die gesundheits politischen Herausforderungen von morgen?
Ja, offenkundig! Dieser neue, «gesellschaftsorientierte» Pflegeansatz bietet eine Antwort auf die demographischen Herausforderungen, die eine längere Lebensdauer und chronische Erkrankungen mit sich bringen. Wenn wir im Bereich der Pflege keine Veränderungen umsetzen, muss die Anzahl der Betten in Spitälern und Pflegeheimen ständig erhöht werden – eine Perspektive, die auf lange Sicht nicht umsetzbar ist. Wir müssen aus dem Teufelskreis eines ausschliesslich auf die Spitäler fokussierten Systems ausbrechen, denn dieses steht kurz vor dem Kollaps – die Spitäler nehmen Patienten auf, für die sie eigentlich keinen Platz haben. Es gilt, das gesamte Gesundheitssystem zu überdenken.


Sollte man Ihrer Meinung nach die Spitäler reduzieren?
Mein Ansatz ist ein anderer. Wenn Spitäler künftig Leistung und Optimierung der Pflege als oberstes Ziel haben, sind sie für bestimmte Etappen der Behandlungskette, wie die Pflege hochbetagter Patienten, Patienten mit verschiedenen chronischen Erkrankungen oder psychosozialen Beschwerden, die einer «niedrigschwelligeren» Struktur zugewiesen werden müssten, nicht mehr geeignet. Die Mehrzahl der in Notaufnahmen eingewiesenen hochbetagten Senioren wäre mit einer alternativen Pflegelösung deutlich besser bedient. Sind diese Patienten nämlich erst einmal im Spital, bleiben einige von ihnen lange Zeit dort und riskieren dabei, noch kränker zu werden und sich eine Nosokomialinfektion zuzuziehen oder ihre kognitiven und sozialen Kompetenzen einzubüssen. Dann wird die Rückkehr nach Hause sehr schwierig. Ziel eines «Gesundheitszentrums», wie es Cité générations umsetzt, ist es, all diese Fallstricke zu umgehen.

 

Weiterführende Links:

 

Philippe Schaller

Allgemeinmediziner, Gründer von Cité générations, Onex, Kanton Genf

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