Horizonte

Seuchenängste

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05788
Veröffentlichung: 16.08.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(33):1047–1048

Bernhard Gurtner

Ob Pest, Typhus, Cholera oder AIDS – der Umgang mit Seuchen hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte zwar stark gewandelt, aber die Angst vor hoch ansteckenden Krankheiten ist geblieben.

Martin Luther, der vor 500 Jahren mit viel Mumm die Reformation angestiftet hat, blieb gegen den Rat des Kurfürsten mit seiner Familie in Wittenberg, als dort die Pest im Herbst 1527 etliche Todesopfer forderte. Seine Frau, die aus dem Kloster geflohene Nonne Katharina von Bora, pflegte sogar Pestkranke, obwohl sie selbst ihren erst anderthalbjährigen Erstgeborenen Johannes zu betreuen hatte und bereits wieder schwanger war. Erst einige Jahre nach Luthers Tod (1546) floh Katharina wegen einer neuerlichen Pestwelle mit den zwei jüngsten ihrer sechs Kinder nach Torgau, verletzte sich aber schwer, als sie das scheuende Zugpferd ihres Wagens am Kopfgeschirr hängend aufhalten wollte. Sie starb drei Wochen später an den Unfallfolgen, was Altgläubige als verdiente Strafe für unsittliches Verhalten deuteten.

«Ob man vor dem Sterben fliehen möge» war auch für Luther eine schwierige Frage, die er auf drängelnden Wunsch eines Amtskollegen erst nach langer Bedenkzeit in einem Traktat [1] mit widersprüchlichen Argumenten zu beantworten versuchte.

«Ist jemand keck und stark im Glauben, der bleibe im Namen Gottes. Ist aber jemand schwach und furchtig, der fliehe im Namen Gottes. Wer’s besser weiss, der fahre immer fort; ich bin niemands Herr.»

Das Recht zu fliehen

Sterben und Tod zu fliehen sei den Menschen als natürliches Verhalten eingepflanzt. Vor wilden Tieren und den Türken laufe man auch davon. Wer ins Wasser falle, dürfe schwimmen, im brennenden Haus verbleibe man nicht. Wenn andere da sind, um zu helfen, könne man weggehen, das gelte auch bei Ertrinkenden und Feuersbrünsten. Andernorts aber heisst es im Traktat, dass jeder zum Mörder werde, der die Seinen in der Not verlässt.

«Stadtärzte mügen nicht fliehen, sie bestellen denn andere tüchtige und genügsame an ihrer Statt.» Dieses Stellvertretungsrecht hätten auch die Geistlichen, Behörden und Bediensteten der Stadtverwaltung, wenn sie für hinreichenden Ersatz sorgten, was in Seuchenzeiten aber oft weder personell noch finanziell möglich war. War man insgeheim froh, wenn die mit den Fürsten und Reichen geflohenen Leibärzte nach Abklingen der Seuche zurückkehrten und wieder einen medizinischen Dienst aufbauten, dessen Helden alle hinweggerafft worden waren?

Der geniale Zeichner, Zoologe, Botaniker, Philologe, Physiker und beamtete Zürcher Stadtarzt Conrad Gessner (1516–1565) hat sich nicht vertreten lassen und bezahlte seine Unerschrockenheit mit dem Verlust seines noch unvollendeten Lebens. Er besuchte die von der Pest betroffene Familie des Reformators Heinrich Bullinger. Dessen Frau und zwei Töchter starben, bald darauf auch Gessner, nur Bullinger überlebte.

Eingesperrte Gülle-Studenten

Noch vier Jahrhunderte später wurde uns Zürcher Primarschülern viel Respekt vor Seuchen eingeimpft. Das einst ganz peripher an der Stadtgrenze zu Oerlikon 1886 erbaute Pockenspital behielt unkorrigierbar seinen furchterregenden Namen, obwohl es längst zum Strassenverkehrsamt umfunktioniert worden war. Die benachbarte landwirtschaftliche Schule Strickhof, die später dem Universitätscampus Irchel weichen musste, wurde mit grellfarbigen Bändern und Barrikaden abgesperrt, wenn einmal mehr die Maul- und Klauenseuche wütete. Die eingesperrten Gülle-Studenten mussten ihre Hände und Stiefel in Desinfektions-Wannen waschen. Wir Kinder schauten zu aus sicherer Distanz, witterten schauderhafte Gefahren und durften um Gottswille nicht mehr zu den herzigen Kälbli und Säuli. Die meisten seien ohnehin geschlachtet worden, damit sie nicht krank würden. Erwachsenenlogik.

Der Tuberkulose auf der Spur

Auch die Tuberkulose war ein Schreckgespenst. Den hustenden Grossvater besuchte ich mit meiner Mutter in einem Davoser Sanatorium, wo die Patienten auf grossen Terrassen sünnelten und sich die Zeit mit Lesen und Spielen vertrieben. Meinem Grossvater hatten die Ärzte tags zuvor einen Pneu im Brustkorb nachgefüllt. Einen Pneu, einen Autoreifen? Der Opa versuchte mir in der ersten medizinischen Lektion meines Lebens zu erklären, das sei eine Art Ballon, welcher durch eine lange Nadel aufgeblasen werde, damit er die bösen Bakterien in der Lunge erdrücke.

Seuchenangst weckten einmal jährlich die vor dem Schulhaus parkierten Schirmbildwagen, wo wir im Halbdunkeln den nackten Oberkörper an eine schauderhaft kalte Platte pressen und tief einatmen mussten. Wehe, wenn die Tuberkulinproben mit Moro-Pflästerli oder Mantoux-Hautquaddeln ein rotes «Püggeli» verursachten. Dann war man «positiv», was im Impfausweis als schlechtes Zeugnis eingetragen und gestempelt wurde.

Pocken und Polio

Auch gegen Pocken haben die Schulärzte geimpft und uns zuvor schreckliche Bilder von entstellten indischen Kindern gezeigt. Ausnahmslos wurden alle Knaben und Mädchen am Oberarm skarifiziert, was oft hässliche Narben hinterliess. Erst in Paris haben wir als Medizinstudenten am Hôpital Saint-Louis gelernt, dass man(n) junge Frauen aus ästhetischen Gründen an intimeren Körperstellen impfen soll, mit feiner ­Nadel durch die Pockenlymphe pointilierend.

Eine Polio-Impfung gab es damals noch nicht. Eine hübsche Frau im Nachbarhaus starb akut an Kinderlähmung, obwohl sie doch mit 35 Jahren kein Kind mehr war. Ein Pfadfinder unserer Gruppe erkrankte im Sommerlager und blieb an einem Bein gelähmt. Abbruch der Zelte, Todesängste, sechswöchige Quarantäne; niemand freute sich über die verlängerten Schulferien. Noch 1965 hatte ich als Assistenzarzt an einer Ostschweizer Klinik jenen Poliopatienten zu betreuen, der seit 20 Jahren mit einer eisernen Lunge beatmet wurde und trotzdem seinen Lebensmut und Humor nie verlor. Dank perfekter Oldtimer-Wartung durch den technischen Dienst funktionierte auch das maschinelle Ungetüm immer noch bestens.

Gefährliche Blutkonserven

Wir Assistenten konnten die Schadenfreude nicht verkneifen, als ein Oberarzt an epidemischer Gelbsucht erkrankte, obwohl er sich auf Visiten immer geweigert hatte, die Krankenzimmer ikterischer Patienten zu betreten, und uns unter einem Vorwand allein hineinschickte. Der Hypochonder hatte für sich immer eigene Scheren und Rasiermesser zum Coiffeur mitgebracht, die er selbst sterilisiert hatte.

Ab 1982 wurde AIDS in der Schweiz zur allseits gefürchteten Seuche, die zuerst nur einigen Schwulen in San Francisco zugeschrieben worden war. Noble Privatkliniken verweigerten die Aufnahme von AIDS-Kranken oder versuchten sie nachts in Landspitäler abzuschieben. Blutentnahmen wurden nur noch mit Gesichtsmaske und Wegwerf-Handschuhen erlaubt. Viele Blutspende-Veteranen meldeten sich ab, weil sie trotz Aufklärung eine Ansteckung befürchteten. Der HIV-Test durfte nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des damit potentiell verdächtigten Patienten vorgenommen werden, während der «Wassermann» ungefragt zur Routineabklärung auf Lues gehörte. Deshalb verzögerte sich die AIDS-Diagnose bei einem febrilen älteren Herrn, der schliesslich selbst einen HIV-Test verlangte, weil er gelesen hatte, dass man durch Blutkonserven angesteckt werden könne. Das traf bei ihm zu, eine Transfusion lag nur wenige Monate zurück.

Seuchenbedrohung bleibt bestehen

Typhus, Pest und Cholera konnten durch Hygiene, internationale Meldesysteme und Antibiotika eingedämmt werden. Hingegen wurde die Hoffnung auf baldige medizinische Omnipotenz durch fürchterliche Grippe­epidemien, AIDS, SARS, Geflügelpest und Ebola immer wieder zerstört. Der Homo sapiens ist durch spontan mutierende Killer-Viren existentiell bedroht und könnte sich durch gentechnologisch manipulierte Viren selbst vernichten. Apokalyptische Visionen in den Medien schüren eine latente Angst, welche sogar die Computer­viren in unsere Umgangssprache eindringen liess.

In jeder Seuchenzeit gab und gibt es eigennützige Flüchtlinge und heldenhafte Freiwillige, die sich unter Lebensgefahr für die Opfer einsetzen. Noch frisch in Erinnerung sind die Bilder der vermummten Hilfskräfte, die bei der Ebola-Epidemie in Westafrika (Dezember 2013 bis März 2016) heroisch gegen die Seuche gekämpft haben, welche mindestens 12 000 Todes­opfer gefordert hat.

Welche sozialen, politischen und weltanschaulichen Umbrüche die historischen Seuchen ausgelöst haben und zukünftige Pandemien bewirken könnten, hat der Medizinhistoriker Klaus Bergdolt sehr eindrücklich zusammengefasst [2]. Wie würden wir selbst, unsere Behörden und die FMH im Ernstfall handeln? Wer weiss?

Korrespondenzadresse

Dr. med. Bernhard Gurtner
Eggstrasse 6
CH-8620 Wetzikon
gurtner.bernhard[at]
bluewin.ch

Literatur

1 Martin Luther. Ob man vor dem Sterben fliehen möge, www.glaubensstimme.de

2 Klaus Bergdolt. Die Pest, Geschichte des Schwarzen Todes, 127 S.
Taschenbuch oder eBOOK, Verlag C.H.Beck, München.

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