Briefe / Mitteilungen

Vortäuschung von Nutzen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05973
Veröffentlichung: 06.09.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(36):1141

Dr. med. Luzi Dubs, Winterthur

Vortäuschung von Nutzen

Brief zu: Wille N, Schlup J. Den Nutzenzuwachs kennen, um den Kostenzuwachs bewerten zu können. Schweiz Ärztezeitung. 2017;98(32):984–5.

Löblich ist die FMH-Initiative, dem Kosten­zuwachs die Veränderungen des Nutzens ­gegenüberzustellen, was methodisch mit der allmählich zur Kenntnis genommenen Incremental Cost Effectiveness Ratio (ICER) auch quantitativ in eine Beziehung gebracht werden kann. Bei der Lektüre des Artikels von Nora Wille und Jürg Schlup, welche zahlreiche Mitteilungen nationaler Institutionen unseres Gesundheitswesens zitieren, entstehen spätestens beim Thema der Krebsfallzahlen erste Indizien, welche auf eine Vortäuschung von Nutzen hinweisen. Die Steigerung der Krebsfälle von 30 000 im Jahr 1996 auf 42 000 im Jahr 2015 kann man wohl in einen gewissen Zusammenhang mit der demographischen Tatsache bringen, dass immer mehr ältere Leute ins krebsanfällige Alter kommen. Diese deutliche Änderung der Prävalenz steht jedoch wohl eher mit der Tatsache im Zusammenhang, dass durch die Früherkennungsprogramme (Mamma, Prostata, Melanom usw.) mehr Erkrankungen in den Frühstadien erfasst worden sind, welche wegen der Vorverlagerung der Diagnose (noch) gar nicht ins Endstadium geraten sind. Diese Zunahme an Erkrankten kann dadurch entscheidend verantwortlich sein, dass die Anzahl Todesfälle wegen der Erkrankung zurückgegangen ist bzw. die Anzahl der Überlebenden zugenommen hat. Im Text werden leider Letalität und Mortalität vermischt. Die Letalität (Tödlichkeit) betrifft die Erkrankten, die Mortalität (Sterblichkeit) betrifft die Gesamtbevölkerung. Es kann somit nicht ausgesagt werden, ob die Reduktion der Letalität einem medizinischen Nutzen gleichkommt. Zudem ist im Zeitalter des «Konkurrenzkampfes der Todesursachen» die Mortalität wegen einer bestimmten Erkrankung lediglich ein sekundärer Endpunkt. Der primäre, für die Patienten entscheidende Endpunkt ist immer noch die Gesamt­mortalität. Es ist äusserst wichtig, dass in der angekündigten ärztlichen Nutzendiskussion die Aussagen der monothematischen Inter­essensvereinigungen sorgfältig gewürdigt werden.

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