Zu guter Letzt

Zur Pensionierung von Jürg Kesselring als Chefarzt Neurorehabilitation in Valens

Wenn Klischees be-
müht werden dürfen

Bruno Kesseli

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.06230
Veröffentlichung: 06.12.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(49):1668

Es war eine geballte Ladung «Brainpower», die sich Ende Juni dieses Jahres im Flecken Valens, hoch über dem Rheintal, konzentrierte. Die wildromantische Gegend ist bekannt für die Taminaschlucht mit ihrer seit Jahrhunderten bestehenden Therme, deren Heilkraft schon Paracelsus beschrieb. Dass auch das in Valens beheimatete Rehazentrum eine überregionale bis internationale Ausstrahlung hat, hängt mit der Person des langjährigen Chefarztes Neurorehabilitation, Prof. Jürg Kesselring, zusammen. 1987 hatte er seine Stelle angetreten und konnte somit in diesem Jahr sein 30-Jahre-Jubiläum in Valens feiern.

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Mit Geist und Schalk unterwegs (hier in der Taminaschlucht): Jürg Kesselring.

Die alpine Bergwelt wurde für ihn nicht zum Reduit – ganz im Gegenteil. Wie sich auch an der Referentenliste des Symposiums ablesen liess, knüpfte und unterhielt er von der Valenser Sonnenterrasse aus vielfältige berufliche und kulturelle Beziehungen in der Schweiz und über den gesamten Globus.

Für die Eröffnung war Hans Lassmann aus Wien besorgt, der im «Lancet» 2015 als Pionier auf dem Gebiet der Immunpathologie der Multiplen Sklerose gewürdigt worden war. Neurowissenschaftler wie Martin Schwab (Zürich) und Neurologen wie Christian Hess, Claudio Bassetti (beide Bern), Ludwig Kappos (Basel) und Armi­n Schnider (Genf) setzten zu Themen wie «Neurobiologie der Rehabilitation», «Bewusstsein», «Neurobiologie des Schlafs» oder «Wirklichkeit und Gedächt­nis» weitere Glanzlichter.

Für erheiternde Momente sorgte der Neurologe und Musiker Eckart ­Altenmüller in seinen spannenden Ausführungen zu «Apollos Gabe: Neurologische Musiktherapie in der Rehabilitation». Das breite Interessenspektrum des Jubilars und sein humanitäres Engagement, unter anderem beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), unterstrichen die Auftritte von Pater Martin Werlen und Christine Beerli. Der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln vermittelte dem Publikum seine Gedanken darüber, «Was Glauben und Wissen überraschenderweise verbindet», während die Vizepräsidentin des IKRK ihre Institution unter dem Gesichtspunkt der «Beständigkeit einer Idee in eine­r sich rasant wandelnden Zeit» beleuchtete.

Das eindrückliche Jubiläumssymposium läutete gewissermassen den Abschied Jürg Kesselrings von den Kli­niken Valens ein, der Ende September dieses Jahres nach einem Fest mit seinen Mitarbeitenden vollzogen wurde. Zwei arg strapazierte Klischees dürfen im Zusammenhang mit seiner Pensionierung für einmal guten Gewissens bemüht werden. Zum einen wäre es völlig hoffnungslos, die zahlreichen Aktivitäten und Verdienste Jürg Kesselrings im Rahmen eines kurzen Artikels würdigen zu wollen. Kesselring war nicht nur eine Koryphäe in der neurologischen Rehabilitation, die Tausende von Patienten behandelt und begleitet und sich in unzäh­ligen Fachgremien und Organisationen eingebracht hat. Er war und ist auch ein universell interessierter Humanist, der sich neben der ärztlichen Tätigkeit speziell als Musiker, Essayist und Lyriker einen Namen gemacht hat und sich humanitär engagiert. Sein gewinnendes Wesen und seine Fähigkeiten als Brückenbauer dürften ihm und seinen Ansprechpartnern vieles erleichtert haben. Es ist ein wenig wie bei ­Roger Federer: Ihn nicht zu ­mögen, ist ziemlich schwierig.

Das zweite zutreffende Klischee ist dasjenige des «Unruhestands». Wobei «unruhig» in seinem Fall wahrscheinlich nicht das richtige Adjektiv ist – aktiv, interessiert, offen, neugierig dürften zutreffendere ­Attribute sein. Jedenfalls kann man bei Jürg Kesselring davon ausgehen, dass er einfach weiterhin das machen wird, was ihn interessiert. Dafür gibt es sichere Indizien. So erhielt ich kürzlich auf eine Mailanfrage prompt seine Antwort mit der Schlussformel: «Herz­liche Grüsse vom grössten MS-Kongress in Paris mit 10 000 Teilnehmern, wo ich gleich ‹etwas sagen› muss ...»

Wetten, dass Sie bald wieder einmal das Vergnügen ­haben werden, einen Artikel von Jürg Kesselring in der SÄZ zu lesen?

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Mit Geist und Schalk unterwegs (hier in der Taminaschlucht): Jürg Kesselring.