Zu guter Letzt

Über die grosse Zehe auf dem Couchtisch

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06390
Veröffentlichung: 24.01.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(04):126

Eberhard Wolff

Prof. Dr. rer. soc., Redaktor Kultur, Geschichte, Gesellschaft

Lange Zeit habe ich die Situation als eine der skurrilsten meines Lebens empfunden. Ich sass vor vielen Jahren in der gutbürgerlichen Stube einer betagten, mittlerweile verstorbenen Arztwitwe. Auf dem Couchtisch stand ein verschlossenes Glas mit einer menschlichen grossen Zehe darin. Sie war einem Patienten angeblich lange zuvor diabetesbedingt amputiert und als Präparat konserviert worden. «Creepy» würde man das in der heutigen Jugendsprache nennen.

Die Grosse Zehe stand nicht aus Verwirrung, sondern ganz bewusst auf dem Couchtisch. Vielleicht war sie sogar für mich, den zu Besuch kommenden Medizinhistoriker, dorthin gestellt worden.

Wenn ich mich recht erinnere, war das Präparat für die Witwe der fleischgewordene Wirksamkeitsnachweis der Diabetes-Therapie, die ihr Gatte zu Lebzeiten verfochten hatte. Weil der Patient nach dieser Methode behandelt worden war, hätte nur der Zeh amputiert werden müssen und nicht der ganze Fuss oder das Bein.

Szenenwechsel. Der schwedische Singer-Songwriter Jens Lekman hat auf seiner neuesten Platte den etwas schrägen Titel «Evening Prayer» über seinen Freund Babak veröffentlicht. Babak ging noch zur Schule, als ihm ein Tumor vom Rücken entfernt wurde. Offensichtlich hat man ihm das Gewebe danach mit nach Hause gegeben. Denn Babak ging zu dem 3-D-Drucker in seiner Schule und stellte dort ein Modell des Tumors in grauem Plastik her. Auch ziemlich creepy.

Als Jens und Babak in dem Lied ein Bier trinken gehen, nimmt Babak das Modell mit, legt es auf den Tisch und sagt: «So, this is what caused all my fears». Das kleine graue Tumorduplikat macht seine Ängste greifbar. Am Ende sieht die Barfrau das Ding, findet es irgendwie cool, und Babak schenkt es ihr.

Was machen wir und andere mit Teilen unseres Körpers, die herausgeschnitten werden oder ausfallen? Und, ganz ähnlich: Was machen Menschen mit den Körpern von Verstorbenen? Meistens verschwinden diese Körper(teile) mehr oder weniger diskret, sei es im Spital, im Sarg, im Krematorium, der Zahnarztpraxis oder im Abfall des Coiffeurs.

Manche Leute bewahren solche Überbleibsel des ­Lebens aber auch auf. Sind das creeps, so wie Norman Bates, der in Hitchcocks «Psycho» die Mumie seiner Mutter im Keller weiterpflegt? Das Aufbewahren von Verstorbenen, häufiger: Teilen von ihnen, ist verbreiteter, als man zunächst denkt. Wir kennen das aus alten katholischen Kirchen mit ihren schaurig-schönen Heiligenreliquien. Aber auch von ganz normalen Ver­storbenen wurden Haare in so genannten «Haarbildern» zur Erinnerung verarbeitet oder in Broschen mit sich getragen.

Ein britisches Presswerk stellt seit Jahren Vinyl-
Schallplatten her, die mit der Asche von Verstorbenen angereichert sind. Der Verblichene knistert dann auf seine Weise beim Abspielen. Andere lassen aus der Asche ­geliebter Verstorbener einen Diamanten pres­sen.

Auch das Aufbewahren eigener Körperteile ist nicht so unnormal. Unzählig viele Menschen verwahren bei sich zu Hause noch die Schrauben und Platten ihrer Osteosynthese-Behandlung auf. Für Wochen oder Monate waren sie drinnen in ihrem Körper und wurden zu einem Teil des Menschen. Jetzt erinnern sie an einen Unfall, eine Krankheit und eine hoffentlich gelungene Heilung.

Während ich dies schreibe, erinnere ich mich an meine elterliche Wohnung. Auf der «Anrichte» im Wohnzimmer stand ein dunkles, fein geschnitztes Holzkistchen. Ursprünglich hatte mein Grossvater darin seine Zigarren aufbewahrt. Dann wurden hier auch abgeschnittene Locken von uns Kindern und einige unserer ­ausgefallenen Michzähne aufbewahrt. Reliquien der bürgerlichen Kleinfamilie.

Ehemalige Teile des (eigenen) Körpers sind nicht einfach nur tote Materie. Wenn sie aufbewahrt werden, entwickeln sie ein Eigenleben. Sie werden Bedeutungsträger. Sie repräsentieren den Menschen, seine Per­sönlichkeit, Phasen seines Lebens. Sie stehen für ­Ereignisse, Ideen, Gefühle. Oder andersherum: Sie repräsentieren das, was wir an Ideen in sie hineindenken.

Und jetzt erfahre ich auch noch, dass meine eigene Grossmutter zwei amputierte Zehen gut sichtbar in ­ihrem Wohnzimmer-Buffet aufbewahrte. So betrachtet war die skurrilste Situation meines Lebens gar nichts Aussergewöhnliches. Und trotzdem ist das alles irgendwie creepy.

Korrespondenzadresse

eberhard.wolff[at]saez.ch

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