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Briefe / Mitteilungen

Teilzeitärzte – ein Trend mit Brisanz

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06698
Veröffentlichung: 25.04.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(17):538

Dr. med. Christian Marti, 
mediX-Gruppenpraxis Zürich

Teilzeitärzte – ein Trend mit Brisanz

Ärzte schätzen Teilzeit – so überschreibt die NZZ am 29.3.2018 ihre Zusammenfassung der FMH-Ärztestatistik 2017 [1]. Mit diesem Titel beleuchtet die NZZ zwar eine brisante Entwicklung, geht aber genauso wenig wie die FMH selbst auf Hintergründe und Auswirkungen dieses Trends ein.

Teilzeitarbeit und Work-Life-Balance

Die steigende Nachfrage nach Teilzeitpensen im stationären wie im ambulanten Bereich hängt nicht nur mit der seit Jahren erkenn­baren Feminisierung des Arztberufes zusammen. Immer mehr suchen auch männliche Ärzte Teilzeitpensen, sei es, um ihre berufstätige Lebenspartnerin in der Kindererziehung zu entlasten und um deren eigene berufliche Karriere zu unterstützen, oder sei es, um einem spannenden Nebenberuf oder Hobby nachzugehen.

Die jüngere Ärztegeneration gewichtet ihre Work-Life-Balance grundsätzlich anders als die älteren Semester. Für die eigenen Patienten rund um die Uhr erreichbar zu sein ist längst passé.

Der Trend zu Teilzeitpensen ist brisant und wird sich auf die Qualität der Patientenbetreuung und auf den Arztberuf selbst auswirken:

Teilzeitpensen und Betreuungskontinuität

Speziell betroffen durch die Teilzeitarbeit ihrer Ärzte ist der wachsende Anteil jener Menschen, die durch chronische und Mehr­fach­erkrankungen vermehrt gefährdet sind. Studien belegen für solche Menschen eine stabilere Gesundheit und weniger Hospitalisationen, wenn sie langfristig durch die gleiche ärztliche Bezugsperson betreut werden – auch in Gruppenpraxen.

Aus wirtschaftlichen Gründen sind ärztliche Teilzeitpensen nur noch in Gruppen- und Grosspraxen möglich. Chronisch Kranken trotz zunehmenden Teilzeitpensen eine hohe Betreuungskontinuität zu bieten wird somit zu einer entscheidenden Herausforderung für Gruppen- und Grosspraxen.

Vom Freiberufler zum Angestellten

47% der Ärzte arbeiten im stationären Sektor, die überwältigende Mehrheit davon als Lohnempfänger. Dazu kommen aus dem ambulanten Sektor 4,2% als Praxisassistierende oder angestellte Fachärzte, deren Anteil mit Zunahme der Teilzeitarbeit ständig wächst [2]. Somit zählt demnächst oder bereits jetzt die Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte zu den Lohnempfängern.

Teilzeitärzte suchen bevorzugt eine Arbeit im Angestelltenverhältnis. Sie sind auf Investoren angewiesen, die ihnen die erforderliche Infrastruktur zur Verfügung stellen und einen angemessenen Lohn zahlen. Bereits heute ­investieren nicht nur Spitäler, Krankenversicherungen und Ärztenetze, sondern auch finanzkräftige anonyme und branchenfremde Investoren in Gruppenpraxen und Praxisketten (Beispiel: Medbase bei Migros).

Somit stellen sich folgende Fragen: Wird sich der schrumpfende Rest selbständig erwerbender Ärzte all diesen Investoren unternehmerisch als ebenbürtig erweisen? Oder signalisiert der Trend zur ärztlichen Teilzeitarbeit das Ende der freiberuflichen Arzttätigkeit?

1 Hostettler S, Kraft E. FMH-Ärztestatistik 2017. Schweiz Ärztezeitung. 2018;99(13–14):408–13.

2 Barker I, et al. Association between continuity of care in general practice and hospital admissions.

BMJ. 2017;356:j84 / http://dx.doi.org/10.1136/bmj.j84

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