Briefe / Mitteilungen

Die ADHS ist weit mehr als lediglich das «Zappelphilippsyndrom»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.17174
Veröffentlichung: 03.10.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(40):1364-1365

Dr. med. Meinrad Ryffel, Bremgarten

Die ADHS ist weit mehr als lediglich das «Zappelphilippsyndrom»

Brief zu: Haemmerle P. Vom «Zappelphilipp» zu den «Kindern, die aus der Reihe tanzen». Schweiz Ärzteztg. 2018;99(34):1127–8.

In seiner überaus wohlwollenden Besprechung des von Kurt Albermann herausgegebenen Buches «Wenn Kinder aus der Reihe tanzen» bedauert Patrick Haemmerle, dass das Kapitel über die ADHS von einem erfahrenen Pädiater und nicht von einem Kinder­psychiater verfasst worden ist. Die ADHS-­Problematik sei nämlich das «tägliche Brot» des Kinderpsychiaters, was der Rezensent am Beispiel des «Modellpatienten», eines etwa acht- bis elfjährigen Knaben mit externalisierenden Verhaltensstörungen, deutlich macht. Nach meinen Erfahrungen wäre hinter diese Aussage zumindest ein Fragezeichen zu setzen.

Zudem ist – wie schon der in der Rezension ebenfalls zitierte Heinrich Hoffmann mit ­seinen Bildern des «Zappelphilipps» und des «Hansguckindieluft» festgestellt hat – die ADHS weit mehr als lediglich der bekannte hyperaktive Störefried. Auch heute noch ­werden leider vorwiegend unaufmerksame «brave» Betroffene, häufig Mädchen, nicht oder viel zu spät erfasst. Unerkannt führt eine ADHS ohne Hyperaktivität nicht selten im ­Jugendalter zu einem «unerklärlichen» Schulversagen oder später zum Abbruch der Berufslehre, frühzeitigem Suchtmittelabusus (z.T. im Rahmen einer Selbstmedikation), ­Depressionen, ungewollter Schwangerschaft oder zu erhöhter Delinquenz. Wenn wie häufig ein oder beide Elternteile ebenfalls eine ADHS aufweisen, sind konfliktreiche Fami­liensituationen die Regel und die Scheidungsrate liegt deutlich über dem Durchschnitt.

Die ADHS auch heute noch vor allem auf den «Zappelphilipp» zu reduzieren ist nicht richtig und führt leider dazu, dass vielen weniger verhaltensauffälligen Betroffenen zum Teil eine korrekte medizinische Therapie vorenthalten wird.

Das Wissen, dass es sich bei der ADHS um eine komplexe andere zerebrale Informations­verarbeitung verbunden mit einer Störung der exekutiven Funktionen handelt, sollte vermehrt auch einem breiteren Publikum bekan­nt werden. Das vor kurzem im ­hogrefe-­Verlag auf Deutsch übersetzte Buch des amerikanischen ADHS-Experten Thomas Brown «ADHS bei Kindern und Erwachsenen, eine neue Sichtweise» (ISBN-10 345685854X) ist dazu überaus empfehlenswert und gibt sowohl Fachpersonen wie auch interessierten Laien Gelegenheit, sich mit den aktuellen Forschungsergebnissen der ADHS vertraut zu machen.

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