Briefe / Mitteilungen

Kinder sind in der Medizin nicht einfach «kleine Erwachsene»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.17299
Veröffentlichung: 14.11.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(46):1615

Markus Malagoli, Dr. oec., Vorsitzender AllKidS; CEO ­Kinderspital Zürich

Kinder sind in der Medizin nicht einfach «kleine Erwachsene»

Klarstellung zum Beitrag: Hölzer S. Sonderstellung alleinstehender Kinderspitäler nicht plausibel. Schweiz Ärzteztg. 2018;99(38):1270–1.

Die SwissDRG AG fühlt sich vom AllKidS-Ar­tikel [1] über die systematische Unterfinan­zierung der Kinderspitäler in der Schweiz ­herausgefordert und zu einer Klarstellung veranlasst. Die Allianz der drei eigenständigen Kinderspitäler der Schweiz (AllKidS) hinterfragt weder die Tariforganisation, noch macht sie sie zum Sündenbock für die Finanzlage der Kinderspitäler. Ein besseres Datenpooling und weitere Fortschritte bei der sachgerechten Abbildung der Kindermedizin im DRG-System dürften die Tarifierungsproblematik entschärfen. Doch das reicht nicht. Der steigende finanzielle Druck auf die Kinderspitäler ist ja nicht nur DRG-getrieben, sondern auch die Folge von nicht-kostendeckenden Tarifen im ambulanten Bereich und bei den Geburtsgebrechen (IV).

Alle Tarifpartner, so betont die SwissDRG AG im ersten Satz ihrer Klarstellung, sind «für eine langfristig bezahlbare und qualitativ hochstehende Kindermedizin». Doch die Bezahlbarkeit der Gesundheitsversorgung von Kindern (knapp 20 Prozent der Bevölkerung) ist mit einem Anteil von rund 5 Prozent an den Gesundheitskosten absolut kein Thema. Im Vergleich zur Medizin für Erwachsene ist die Kinder- und Jugendmedizin extrem günstig – stationär wie ambulant. Kinder verbringen weniger Zeit im Spital als Erwachsene, weil sie von Natur aus schneller genesen. Zudem wollen Eltern, dass die Kinder möglichst schnell wieder nach Hause dürfen. Allerdings ist an dieser Stelle auch ein anderer, gegenläufiger Kostenfaktor zu erwähnen. Obwohl Kinder stationär insgesamt günstiger sind als Erwachsene, kosten sie pro Tag mehr.

Erstens ist der Personalaufwand bei Eingriffen viel höher (mehr Personal, längere Einsätze pro Patient). Zudem ist die Bandbreite der Versorgung von Kindern in spezialisierten Kinderkliniken viel breiter. Ihr «Maschinenpark» ist auf Menschen von 300 Gramm bis 120 Kilo bzw. mit einer Grösse zwischen 25 Zentimetern und 2 Metern ausgelegt. Dass aufgrund verhältnismässig tiefer Fallzahlen und längerer Interventionszeiten die Auslastung der Infrastruktur nicht so hoch ist wie in der Erwachsenenmedizin, liegt auf der Hand. Das ist nicht der Fehler von SwissDRG. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob die Gleichbehandlung von Erwachsenen- und Kindermedizin sachdienlich ist. Für Versicherer, die auf Rechnungs- und Kostenkontrolle fokussiert sind, mag das praktisch sein. Aber ist es auch sinnvoll?

Im ambulanten Sektor ist die Kinder- und Jugendmedizin pro Fall und Altersgruppe ebenfalls um einiges günstiger als die Erwachsenenmedizin. Aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass die Behandlungskosten unserer Jüngsten weit unter den mittleren Kosten pro Einwohner liegen). Richtig ins Geld geht die Versorgung erst ab Alter 40 bzw. 50. Ein klarer Hinweis, dass es auch in der Medizin mehr und weniger lukrative Lebensphasen und Disziplinen gibt. Vor dem Hintergrund, dass ein Kind in seinem ersten Lebensjahr in der Regel auf rund ein Dutzend Konsultationen beim Kinderarzt kommt, sind die dadurch entstehenden Kosten sicherlich kein Problem für das Gesamtsystem. Ein grosses Problem ist und bleibt aber für die Kinder- und Jugendmedizin der TARMED-Eingriff 2018 des Bundesrates. Und auch der Ausblick auf die 2019 geplante TARMED-Revision ist düster. Die Kinder- und Jugendmedizin droht dort erneut unter die Räder zu kommen. Dasselbe Risiko besteht auch bei der IVG-Revision. Dies insbesondere für die AllKidS-Spitäler, die nicht nur viele Kinder mit seltenen Krankheiten, sondern auch den Grossteil von Geburtsgebrechen behandeln. Diese IV-Fälle bestreiten die Hälfte ihrer stationären Einnahmen, weshalb kostendeckende Tarife ein Muss wären. Doch diese werden von der IV zum grossen Teil verwehrt. Aufgrund fehlender Rechtsgrundlagen auf Bundesebene lässt sich dagegen kaum etwas unternehmen.

Die systematische Untertarifierung der Kinder- und Jugendmedizin in den verschiedenen Bereichen ist eine Tatsache und hat in den Trägerkantonen der AllKidS-Spitäler sowie im Bundeshaus und im Umfeld ambulanter Leistungserbringer politische Aktivitäten in Gang gesetzt. Neben einer Standesinitiative des Kantons SG wurde von Nationalrat Christoph Eyman (LDP, BS) kürzlich eine Inter­pellation betreffend Tarife für Kinderspitäler und Kinderkliniken eingereicht. Parallel dazu wurde eine parteipolitisch breit abgestützte parlamentarische Gruppe Kinder- und Jugendmedizin ins Leben gerufen. Das alles zeigt, dass der Wille vorhanden ist, der medizinischen Versorgung der Kinder eine solidere Basis zu verschaffen. Tun wir das nicht, wird die Qualität der Kinder- und Jugendmedizin leiden.

1 Genewein A. Kinderspitäler leiden an systematischer Untertarifierung. Schweiz Ärzteztg. 2018;99(3031):993–5. DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06734

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