Tribüne

Es gibt keinen Ärztemangel aufgrund «Feminisierung der Medizin»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17570
Veröffentlichung: 06.03.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(10):353-356

Aylin Canbek

Ärztin, Vereinigung unabhängiger Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierender (VUA)

Immer wieder wird als Ursache für den Ärztemangel in der Medizin die zunehmende Anzahl Frauen, die das Medizinstudium abschliessen, herbeigezogen. Eine kritische Analyse dieser Hypothese bleibt jedoch aus.

Wenn in Medien von «Ärztemangel» die Rede ist, wird er inflationär verwendet. Wenn am Mittagstisch über Teilzeitarbeit oder Work-Life-Balance diskutiert wird, kommt er früher oder später zur Sprache. Nicht zuletzt steht er auf meiner imaginären Liste zum «Unwort der letzten Dekade» schwindelerregend weit oben: der Begriff der «Feminisierung». Wohlbemerkt, nicht wegen des Begriffs an sich, sondern wegen der dahinterstehenden, unreflektierten Konzepte.

Als «Feminisierung der Medizin» wird die Tatsache bezeichnet, dass immer mehr Frauen Medizin studieren und schliesslich als Ärzt_innen arbeiten. Dies erscheint zunächst als objektive Feststellung, mittels welcher ein aktueller einem vorausgehenden Zustand gegenübergestellt und festgestellt wird, dass eine Divergenz besteht. Der Begriff der «Feminisierung» wird allerdings praktisch ausschliesslich in Diskursen verwendet, in denen Erklärungsmodelle für strukturelle Probleme im Gesundheitswesen gesucht werden – z.B. den Mangel an Ärzt_innen im Gesundheitswesen. Er wird nicht zitiert, wenn es um positive Entwicklungen in medizinischen Organisationsstrukturen geht – etwa darum, dass sich die Arbeitsbedingungen in Spitälern gegenüber früher verbessert haben –, sondern weist auf nachteilige Entwicklungen hin. Der Begriff enthält somit eine deutlich negative Konnotation.

Résumé

On attribue de plus en plus souvent la pénurie de médecins au nombre croissant de femmes diplômées en médecine. Cette hypothèse n’a toutefois pas fait l’objet d’un examen critique.

Vom Aussergewöhnlichen und Selbstverständlichen

Der Begriff beinhaltet auf der semantischen Ebene eine weitere Botschaft: «Feminisierung» bezeichnet die Wandlung ins Weibliche – analog zur Verwendung im Rahmen einer kompletten Androgenresistenz. Er bezeichnet somit etwas Aussergewöhnliches und ­Abweichendes von einem gesetzten Zustand – etwas, das normalerweise nicht wäre. Wäre es selbstverständlich, dass Frauen Ärzt_innen sind, bräuchte man keinen Begriff, um dies zu beschreiben. So käme es umgekehrt niemandem in den Sinn, den früheren Status quo in der Medizin als «Maskulinität der Medizin» zu bezeichnen. Dieser galt nämlich als Norm, so dass dieser Zustand keiner spezifischen Bezeichnung bedurfte. Man sprach daher nicht etwa von «maskuliner Medizin», sondern schlicht von der wissenschaftlichen Disziplin als solcher: «Medizin». Strukturelle Probleme in der Arbeitsorganisation (beispielsweise starre hierarchische Strukturen, horrende Arbeitszeiten) wurden auch nicht auf das Geschlecht der beteiligten Individuen zurückgeführt, sondern für sich selbst betrachtet. Nun, da vermehrt Frauen in der Medizin tätig sind, braucht es plötzlich Begrifflichkeiten, die auf das Geschlecht der Beteiligten hinweisen und mit welchen strukturelle Missstände erklärt werden.

Zweifelsohne war es noch vor einigen Jahren bis Jahrzehnten etwas Aussergewöhnliches, dass eine Frau ­Medizin studierte bzw. studieren konnte. Die Bewertung aus der Gegenwart heraus, dass Frauen in der Medizin nichts Selbstverständliches sind, schliesst jedoch an dieses Konzept an. Ein ähnliches Phänomen findet sich, wenn Medizinalpersonen namentlich genannt werden. Führen wir ein kleines Experiment durch. Stellen Sie sich bitte folgende Person bildlich vor: Prof. Dr. med. H. Müller.

Hand aufs Herz: Haben Sie dabei auch automatisch an einen Mann gedacht? (Wenn nicht, dann Chapeau!) Wenn von einer Frau die Rede ist, ist Usus, dass ein «Fr.» vorangestellt wird. Eine männliche Fachperson bedarf dieses Präfixes nicht, da sie ohnehin als Standard gilt. Auch ohne ein vorangestelltes «Hr.» wird ­automatisch eine männliche Person angenommen. Frauen müssen explizit gekennzeichnet werden, damit sie wahrgenommen werden. Entsprechende Kennzeichnungen finden sich häufig in Briefköpfen, medizinischen Berichten und Zuweisungsschreiben. Ähnlich verhält es sich, wenn Frauen in der Medizin explizit bezeichnet werden, da sie nicht zum Standard gehören.

Interessanterweise spricht in Berufen, die als «Frauenberufe» gelten, kaum jemand von einer «Maskulinisierung» ebenjenes Berufes – beispielsweise in der Pflege oder der Kinderbetreuung. Dass Männer sich in eine Frauendisziplin begeben, benötigt keines expliziten Begriffs. Es wird auch nicht als Problem wahrgenommen. Ganz im Gegenteil wird im öffentlichen Diskurs bedauert, dass wenige Männer den Pflegeberuf wählen – währenddem sich Frauen den Zugang zum ärzt­lichen Beruf erkämpfen mussten, da dies über Jahrhunderte aktiv verhindert wurde.

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Abbildung 1: Frauen müssen explizit erwähnt werden, damit sie adäquat wahr­genommen werden.

Ableitungsbeziehungen aus der formalen Logik

Hinter dem Erklärungsmodell des Ärztemangels steht eine Schlussfolgerung aus dem Kreis der formalen ­Logik, die u.a. in der Mathematik und in der Philosophie angewandt wird und auf Aristoteles zurückgeht. Hierbei werden Prämissen (Voraussetzungen) aufgestellt, deren logische Ableitung zu einer zwingenden Konklusion (Schlussfolgerung) führt:

Prämisse 1: Es gibt zunehmend mehr Frauen, die Medizin studieren.

Prämisse 2: Frauen werden Mütter.

Prämisse 3: Wenn Frauen Mütter werden, arbeiten sie weniger.

Die Konklusion schliesst sich daraufhin wie folgt an:

Konklusion: Mehr Frauen in der Medizin führen zu weniger Arbeitskräften.

Die Logik dient dabei als Instrument für eine deduktive Ableitungs- und Folgebeziehung. Da diese Beziehung logisch nachvollziehbar ist, wirkt die Schlussfolgerung unwiderlegbar. Hieraus stellen sich mehrere Schwierigkeiten: Einerseits werden die zur Anwendung kommenden Prämissen als wahr vorausgesetzt. Sie unterstehen keiner Infragestellung, so dass ihr Inhalt nicht überprüft wird. Durch die Auswahl spezifischer Prämissen wird zudem eine Eichung vorgenommen. Eine Vielzahl von möglichen Annahmen wird auf drei Aussagen eingeschränkt. Das Argument, weshalb von vielen Alternativen gerade diese drei Aussagen wahr sein sollen, fehlt.

Wird die obige Herleitung der Aussage: «Es besteht ein Ärztemangel, weil mehr Frauen Medizin studieren», zu Ende gedacht, kommt es implizit zu folgenden Schlüssen:

– Schuld am Schlamassel sind die Frauen. Gäbe es nicht zunehmend Frauen in der Medizin, gäbe es dieses Problem nicht.

– Und wenn der Gedanke konsequent zu Ende gedacht wird: weniger Frauen in der Medizin = weniger Ärztemangel.

Auch wenn diese Aussagen so nicht ausgesprochen werden, sind sie doch als ideologisch gefärbte Botschaften enthalten, sofern nur die oben beschriebenen Theoreme unreflektiert wiedergegeben werden. Die Forderung nach einer Männerquote, wie sie ein deutscher Medizinprofessor 2017 geäussert hat, ist somit eine logische Konsequenz (und bedeutet de facto bei ­fixer Anzahl Studienplätze eine Reduzierung der Anzahl Frauen).

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Abbildunge 2: Die formale Logik: eine Methode, die mathematische Ableitungs­beziehungen herstellt, beispielsweise in der Philosophie.

Die mathematische Analyse eines ­nicht-mathematischen Phänomens

Eine dem Problem zugrundeliegende Denkweise ist, dass methodologisch versucht wird, ein nicht-mathematisches Phänomen mittels eines mathematischen Konzeptes zu ergründen. Es wird analog eines mathematischen Gleichnisses behandelt: Phänomene werden mittels Ableitungs- und Folgebeziehungen zu erklären versucht; jedoch ohne zu hinterfragen, wie sie zustande kommen und ob sie tatsächlich miteinander ­assoziiert sind. Da es sich in dieser Situation um ein Phänomen handelt, welches durch komplexe soziokulturelle, politische und ökonomische Faktoren zustande kommt, bleibt die Analyse oberflächlich und ­rigide.

Human- und Sozialwissenschaften wie beispielsweise Soziologie, Geschichte, Religions-, Wirtschafts- oder ­Politikwissenschaften unterscheiden sich von Naturwissenschaften unter anderem dadurch, dass Phänomene zwar beobachtet und interpretiert, aber nicht objektiviert werden können. Dies bedeutet nicht, dass sie keine Daseinsberechtigung oder Notwendigkeit ­haben. Sie weisen jedoch die Besonderheit auf, dass ihre Inhalte stark davon abhängig sind, von wem und in welchem Kontext sie beobachtet und interpretiert werden. Sie stehen daher unter starkem Einfluss der herrschenden Ideologie (sei dies eine politisch, ökonomisch, soziokulturell oder religiös geltende Ideologie) und sind dadurch wandelbar. Was in der Schweiz im Geschichtsunterricht gelehrt wird, ist nicht dasselbe, was in Indien gelehrt wird. Die Machtergreifung Chomeinis 1979 wird in iranischen Geschichtsbüchern aus Sicht des Regimes beschrieben – nicht aus Sicht der­jenigen, die vor dem Regime flüchten mussten. In den USA prägt die Regierung den offiziellen Blickwinkel auf den Irakkrieg 2003. Und die Machtergreifung durch die NSDAP 1933 wurde unter den Nazis anders erzählt als später durch die DDR. Ähnlich sind Wirtschaftsanalysen unterschiedlich in Systemen der Monarchie, des Sozialismus oder des Neoliberalismus. Demgegenüber stehen Wissensinhalte von Mathematik, Physik oder Chemie, welche sich unabhängig vom System verhalten, in dem sie erforscht und entwickelt werden. Die Aussage 2 + 2 = 4 ist in verschiedenen Regionen der Welt und in verschiedenen gesellschaft­lichen Systemen von Gültigkeit.

Auf ein Phänomen, das soziokulturell, politisch und ökonomisch geprägt ist, kann diese Allgemeingültigkeit allerdings nicht übertragen werden. Ihre Interpretation ist nicht allgemeingültig, sondern abhängig vom Kontext, von der interpretierenden Einheit, von der geographischen Region, der Epoche und insbesondere von der zugrundeliegenden Weltanschauung ­sowie ihren Wertesystemen.

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Abbildung 3: Die Interpretation von soziokulturellen, politischen und ökonomischen Phänomenen hängt davon ab, mit welcher Brille man sie betrachtet.

Eine Ergründung möglicher Wertevorstellungen

Was wären denn nun Beispiele für Wertevorstellungen, die zur obigen Ableitung führen? Welche Welt­anschauungen liegen vor? Es gibt sicherlich keine abschliessenden Antworten auf diese Fragen. Folgend sollen mögliche Erörterungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufgeführt werden.

– Es mag stimmen, dass viele Frauen in der Gesellschaft eine Familie gründen möchten – ebenso wie viele Männer in der Gesellschaft! Dies fliesst jedoch nicht in die Debatte ein. Für jede Frau, die ein Kind zeugt, gibt es (Achtung, nicht immer!) einen Mann, der dieses Kind ebenfalls zeugt. Im Unterschied zur Frau bleibt dies jedoch ohne Bedeutung für seine berufliche Kar­riere.

– In der Debatte um die «Feminisierung, die zu Ärztemangel führt» werden unweigerlich Rollenbilder angenommen, die als «normal» und «selbstverständlich» gelten. Dies ist die ideologische Prägung der Debatte. Es gilt als normal, dass Frauen ihre berufliche Karriere für Kinder an den Nagel hängen. Es gilt als normal, dass Männer zwar Kinder haben, aber selbst eine Chefarztposition einnehmen können, da die Rolle des Haushaltes und der Kinder­erziehung der Frau übertragen wird. Daher gilt es auch als selbstverständlich, dass Frauen in der ­Medizin fehlen, sobald sie Mütter werden.

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Abbildung 4: Die traditionelle Rollenzuschreibung: Sie sorgt für den Haushalt, er verdient die Brötchen.

– Es gilt auch als normal, dass Frauen diese Verhältnisse akzeptieren und sogar selbst reproduzieren. Frauen, die dies nicht tun, werden angeprangert. Eine Frau, die drei Kinder hat und Chefärztin ist, gilt als «Rabenmutter» – einem Mann geschieht dies nicht.

– Man könnte also auch sagen: nicht die Zunahme an Frauen in der Medizin führt zum Ärztemangel – sondern die traditionelle Rollenzuschreibung, in welcher die Frau für den Haushalt und die Kinder zuständig ist. Im Gedankenexperiment, dass diese Rolle nicht der Frau, sondern dem Mann zugeschrieben werden würde, wäre es nicht das geringste Problem, dass Frauen als Ärzt_innen arbeiten. Es käme auch zu keinem Mangel an Ärzt_innen.

– Es wird angenommen, dass der Ärztemangel an der steigenden Anzahl Frauen liegt, die Teilzeit arbeiten. Dies kann aber ebenfalls hinterfragt werden: möchten heutzutage nicht auch immer mehr männliche Ärzte Teilzeit arbeiten? Und wenn ja, was sind die Gründe hierfür? Könnten beispielsweise Arbeitsstrukturen eine Rolle spielen? Oder besteht eine generelle gesellschaftliche Entwicklung hin zu traditionellen Lebenskonzepten mit Gründung einer Familie?

– Geburtenraten unterstehen einem wesentlichen politischen Einfluss. In Situationen von niedrigen Geburtsraten (z.B. Nachkriegspolitik, Thatcherismus, aber auch in aktuellen Debatten zu finden) werden politische Massnahmen getroffen, um die Geburtenrate anzukurbeln. Traditionelle Familienwerte stehen auch auf dem Programm verschiedener politischer Strömungen und Religionen. Abtreibungsrechte werden in ­vielen Ländern beschnitten, z.B. in Polen. Somit befinden sich Frauen in einer diskrepanten Rolle: Einerseits erwarten Gesellschaft und Politik von ihnen, dass sie Kinder zur Welt bringen und für ein Fortbestehen der Gesellschaft sorgen – andererseits wird ihnen vorgeworfen, dass sie am Arbeitsplatz fehlen.

– Der Aspekt, dass Frauen im Rahmen einer Schwangerschaft oder nach einer Geburt am Arbeitsplatz aus­fallen, wird oft biologisch erklärt. Dies mag, wenn überhaupt, lediglich für einen befristeten Zeitraum gelten – z.B. wenn es zu Beschwerden im Rahmen der Schwangerschaft kommt oder während der Stillzeit. Dies liefert jedoch keine Erklärung für die Zeitperiode darüber hinaus, erst recht nicht für mehrere Jahre. So gibt es durchaus Beispiele, wo andere Konzepte gängig sind. Bei der ethnischen Gruppe der «Mosuo» in China sind die maternalen Onkel eines Kindes für dessen Erziehung zuständig. Eine Aufgabe, die in unserer Kultur als «Frauensache» interpretiert wird, kann somit in einer anderen Kultur als «Männersache» interpretiert werden – ein Beispiel, wie stark Konzepte soziokulturell geprägt und beliebig wandelbar sind. In diesem Sinne kann hinterfragt werden, weshalb in ­unseren Breitengraden erwartet wird, dass Frauen über eine Phase mit möglichen körperlichen Einschränkungen hinaus weiterhin die Rolle als primäre Verantwortungsperson für Haushalt und ­Familie übernehmen.

Hinweis

Bei der Bezeichnung von Personen in diesem Text wurde der sogenannte «Gender Gap», gekennzeichnet durch einen Unterstrich, eingesetzt. Dabei handelt es sich um ein sprachliches Mittel mit dem Ziel, alle Geschlechtsidentitäten einzuschliessen und zu repräsentieren (feminin, maskulin und Identitäten jenseits der binären Normativität).

Credits

Abbildung 1: Credits: «barockschloss», Quelle: flickr, Titel «Lugano Street Art», Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0), Link https://www.flickr.com/photos/barockschloss/14942503518/in/photolist-oLqUh5-oLph6R-oLp6TK-oLqw2y-p1RBZE-oLqeH1-oLocKi-Kk69az; die Haftung wird ausgeschlossen, es wurden keine Änderungen vorgenommen.

Abbildung 2: Credits: »T”eresa, Quelle: flickr, Titel «journal entry #00651 – obscurum per obscurius», Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0), Link https://www.flickr.com/photos/teresa-stanton/2180030841; die Haftung wird ausgeschlossen, es wurden keine Änderungen vorgenommen.

Abbildung 3: Credits: Allan Henderson, Quelle: flickr, Titel «Goggle Glass Prototype», Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0), Link https://www.flickr.com/photos/allanhenderson/43576708944/; die Haftung wird ausgeschlossen, es wurden keine Änderungen vorgenommen.

Abbildung 4: Credits: ArtsyBee, Quelle: Pixabay, https://pixabay.com/de/retro-hausfrau-familie-gru%C3%9F-k%C3%BCche-1321068; das Werk ist gemeinfrei.

Korrespondenzadresse

Aylincanbek[at]hotmail.com

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