Horizonte

Über Food und Waste

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17968
Veröffentlichung: 18.09.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(38):1285

Eberhard Wolff

Prof. Dr. rer. soc., Redaktor Kultur, Geschichte, Gesellschaft

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

Nie war mir Eichendorffs spätromantisches Gedicht über das Wort als zauberkräftige «Wünschelrute» (so der Titel) näher als neulich in der mittäglichen Essensschlange meiner Kantine. «Food Waste» hiess es, das Zauberwort. Schräg und frech an die Beschreibung des Tagesgerichts geklebt. Was das denn genau meinen solle, wagte ich die freundlichen, aber natürlich vom Schöpfen schon ziemlich erschöpften Angestellten zu fragen. Das sei eben im Rahmen einer Nachhaltigkeitsaktion. Ich vermute, sie wussten es selber nicht. Was kann das einsame Wort «Food Waste» an einer Menü­beschreibung genau bedeuten? Dass das Essen gestern schon einmal angeboten und nicht verkauft wurde? Dass es aus Zutaten stammt, die sonst weggeworfen worden wären? Dass wir alle ganz brav unseren Teller leer essen sollten? Ich nehme nicht an, dass das Essen aus den Hinterlassenschaften der Kunden bestand, die dieser Aufforderung gestern nicht gefolgt waren. Ehrlich gesagt weiss ich bis heute und nach eingehender Recherche auf der Aktions-Website keine Antwort auf meine Frage. Erst später wurde mir klar: Mein Fehler bestand offensichtlich darin, überhaupt zu fragen. Ich hatte nicht verstanden, dass es sich um ein Zauberwort handelte. Zauberwörter sollen ein Lied wecken und keine Nachfragen. Gerade ich als gebürtiger Schwabe, der das Tellerleeressen als Eigenwert verinnerlicht hat, hätte das wissen müssen.

fullscreen

«A discretion» ist ein anderes Zauberwort, bei dem die Welt lange Zeit zu singen anhob. Viel ist gut, lautet das Lied. Doch manchmal stossen sich die Zauberwörter (frei nach Friedrich Schiller) hart im Raume. «A discretion» hat angesichts seines Widersachers «Food Waste» schon etwas von seinem Feenstaub verloren. Neuerdings versuchen solche «All you can eat»-Restaurants den fast Harry-Potter-mässigen Konflikt aus Zauber und Gegenzauber dadurch zu lösen, dass sie für den Fixpreis nicht mehr ein Buffet anbieten, sondern «à discretion» Bestellungen von der Karte annehmen. Begründet mit weiteren Zauberwörtern wie «Nachhaltigkeit». Die Erklärung «Innovatives Marketingmodell» tönt auf Menükarten einfach zu wenig zauberhaft. Dafür umso mehr im Gastro-Consulting. Ob ein Wort ein Zauberwort ist, hängt also auch von seinem Ort ab.

In den erwähnten neuen Restaurants nehmen sie so viele Bestellungen an, wie …? Wie man will? Nein, wie man kann! Denjenigen, deren Augen grösser sind als ihre Mägen, wird ein Aufpreis (zum Beispiel in Höhe ­eines Fünflibers) angedroht. Ich nehme nicht an, dass dies sonderlich oft vorkommt. «Aufpreis» als Drohung wäre dann so etwas wie ein negatives Zauberwort. Ähnlich wie seine positiven Brüder und Schwestern wirkt es allein dadurch, dass man es ausspricht. «Performanz» nennt man das im geisteswissenschaft­lichen Fachchinesisch. Dort hat es aber nichts mit Zauberei, sondern mit handfesten Diskursen zu tun.

Unser Supermarkt an der Ecke versucht sein Image jetzt auch mit einer Food-Waste-Kampagne zu heben. In einem Auslagekorb werden für wenig Geld gefüllte Plastiksäcke (Oops!) mit Obst und Gemüse angeboten, das schon ein wenig alt und hinüber ist und nicht mehr regulär verkauft werden kann. «Lebensmittel retten und Geld sparen» nennen sie das. Ende Mai gab es in Zürich den «Food Save Day» unter dem Motto «gemeinsam Lebensmittel retten». Das «Retten» hat eine lange Tradition als Zauberwort. Nicht nur am Grossen St. Bernhard und bei der REGA. Pietisten gründeten im 18. Jahrhundert zum Beispiel viele Kinderrettungs­anstalten, mit denen die Kleinen der Sünde (unter anderem der Selbstbefleckung) entrissen werden sollten. Nenne es «retten», und du bist ein guter Mensch.

In meinem Supermarkt habe ich neulich ein Kilo Spargel aus dem Food-Waste-Korb gerettet. In der Küche kam ich dann aber ins Grübeln. Wenn ich dem Spargel die Haut über die Ohren ziehe, ihn in kochendes Wasser werfe und schliesslich genüsslich zermalme: Habe ich ihn dann wirklich gerettet? Auwei, jetzt habe ich mich schon wieder beim Nachfragen ertappt!

Laut Wikipedia gewinnt das Eichendorff’sche Zauberwort kosmische Bedeutung, sprengt alle Grenzen und öffnet den Raum zur Unendlichkeit. Das mag sein. Gleichzeitig benebeln Zauberwörter aber auch unser Nachdenken.

Zauberwörter gibt es überall, aber sie hinterlassen manch­mal einen bitteren Nachgeschmack. Auch der Spargel schmeckte schon ein wenig bitter. Food Waste eben.

Credits

© Mikhail Olykainen | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

eberhard.wolff[at]saez.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close