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FMH

Old age is over!

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18567
Veröffentlichung: 15.01.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(03):44

Michel Matter

Dr. med., Vizepräsident der FMH

Als Aufhänger ihrer September/Oktober-Ausgabe 2019 wagte die amerikanische Zeitschrift MIT Technology Review die These «Old age is over!». Ganz klein stand darunter geschrieben: «if you want it». Es stimmt: Die Hoffnungen, das Leben deutlich verlängern zu können, sind gross. Jeden Tag werden Neuigkeiten über Anti-Aging-Substanzen oder Fortschritte in der Genetik verkündet und von traditionellen oder sozialen Medien bereitwillig aufgegriffen. Innovation und Forschung boomen – seien wir froh darüber!

Die grosse gesellschaftliche Herausforderung besteht heute aber darin, das Heer an Rentnerinnen und Rentnern in wirtschaftlicher wie medizinischer Hinsicht zu versorgen. In der Schweiz ist die Lebenserwartung hoch, und dies oft bei guter Gesundheit. Aber der Anteil der Gesundheitskosten, der mit dem steigenden ­Alter zusammenhängt, den polymorbiden Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, ist beträchtlich. Derzeit dreht sich die Zukunftsdebatte vor allem um die Klimakata­strophe, die uns alle sehr besorgt. Eine grosse Dringlichkeit besteht aber auch bei der Frage, wie wir unsere älte­ren Mitbürger zukünftig betreuen wollen.

Seit mehreren Jahren hat man oft gehört, dass das Gesundheitswesen sich kaum noch finanzieren lasse. Es ist an der Zeit für eine umfassende Reform unseres Gesundheitssystems. Dabei muss das Ziel sein, die Patientinnen und Patienten wieder in den Mittelpunkt der Versorgung zu stellen und die verschiedenen Akteure des Gesundheitssektors unter Wertschätzung ihrer jeweiligen Kompetenzen optimal zu koordinieren. Natürlich müssen falsche finanzielle Anreize beseitigt werden. Hier ist das Projekt EFAS, das eine einheitliche Finanzierung ambulanter und sta­tionärer Leistungen gewährleisten soll, von zentraler ­Bedeutung. «Smarter Medicine» müsste gefördert ­werden. Dieser Aspekt liegt zwar auf der Hand, die Umsetzung verläuft aber deutlich träger als erforderlich. Von entscheidender Bedeutung sind die Nutzung des elektronischen Patientendossiers und die Protokollierung der klinischen Massnahmen. Wie sonst wollen wir eine gute Behandlung unserer Patientinnen und Patienten durch unser bestens ausgebildetes ärztliches Personal gewährleisten, wenn wir nicht einmal wissen, welche Untersuchungen und Behandlungsschritte die verschiedenen beteiligten Fachgebiete bereits vorgenommen haben? Dies muss alle Dienstleistungserbringer einschliessen. Interprofessionalität lässt sich durch eine effizientere Vernetzung der Grundversorgung erreichen, was Qualität und Sicherheit erhöht und die ­Patientinnen und Patienten als Akteure ihrer eigenen Gesundheit einbezieht. Das Zuhören, der Dialog und der Austausch mit den Patientinnen und Patienten, den Angehörigen der Gesundheitsberufe und den Kolleginnen und Kollegen müssen aufgewertet und finanziell gefördert werden. Diese Koordinierung wird erhebliche Einsparungen ermöglichen, denn mit Hilfe einer ­intelligenten, kostenbewussten und auf eine optimale Versorgung ausgerichteten Medizin können wir alle dazu beitragen, auch in Zukunft eine sehr hohe ­Qualität unserer Leistungen zu gewährleisten. Es gilt, die Effizienz des Systems zu verbessern – und zwar rasch!

Sicher ist, dass die Medizin wieder individualisierter werden wird. Im Mittelpunkt der Pflege wird wieder der Mensch stehen. Schliesslich machen ihn sein Genom, sein Exposom und sein Umfeld einzigartig. Diese individuellen Daten können jedoch mit Milliarden ande­rer Daten abgeglichen werden. Die Medizin wird vorhersagend, schützend und immer stärker heilend wirken. Sie wird in der Lage sein, die Barrieren, die das Alter uns setzt, zu verschieben. Ziel ist die Gesundheit von Körper und Geist. Dies ist unsere Vision. Aber bis dahin liegt noch ein weiter Weg vor uns. Als Erstes müssen wir zweifellos unser Gesundheitssystem besse­r planen und organisieren. Im Rahmen dieser Refor­m müssen wir zudem wieder zu einem konstruktiven Dialog zwischen allen Tarifpartnern kommen, um, wie Jürg Schlup richtig formulierte, Teil der Lösun­g zu sein.

Old age is not over yet, is it?

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