FMH

Gesund?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19224
Veröffentlichung: 16.09.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(38):1170

Carlos Beat Quinto

Dr. med., Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortlicher Public Health und Gesundheitsberufe

Auf Seite 1171 dieser Ausgabe finden Sie einen Artikel, der die Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten thematisiert. Wie steht es um unsere Schlafqualität, Ernährung, Bewegung? Sind Sie Nichtraucher und trinken Alkohol nur mit Mass? Wie viel Zeit haben Sie für Ihre Familie? Wie steht es um Suchtverhalten als Coping-Strategie? Sofern PROFILES (Principal Relevant Objec­tives and Framework for Integrative Learning and Education in Switzerland) im Medizinstudium konsequent umgesetzt werden, ist die Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten bereits während der Ausbildung Thema. Während der Weiterbildungsphase ist der Lead beim VSAO; anschliessend nimmt sich die FMH des Themas an. Wichtig für unsere Gesundheit ist, dass unsere ­Arbeit sinnstiftend ist. Entscheidend dafür sind die Rahmenbedingungen unserer Arbei­t. In den letzten Jahren hat der administrative Aufwand enorm zugenommen. Das heisst, wir haben immer weniger Zeit für die Patientinnen und Patienten und verbringen immer mehr Zeit hinter dem Bildschirm oder über Papier­stapeln.

Wie sollen Ärztinnen und Ärzte auf ihre eigene Gesundheit achten, wenn die Prioritäten falsch gesetzt sind? Die erste COVID-19-Welle haben wir gut überstanden. Auf kantonaler Ebene sind in gewissen Kantonen erstmals kleine Wunder geschehen: Reserviertheit, Vorurteile und allfälliges Misstrauen waren verschwunden. Der Not gehorchend arbeiteten Regierung, Ad­ministration, Spitäler und die kantonale Ärztegesellschaft konstruktiv zusammen, effizient und ohne administrativen oder formalen Ballast. Und auf nationaler Ebene? Ja, aber nur auf den hierarchisch zu tief angesiedelten Ebenen, wo noch Fachwissen und berufliche Erfahrung vorhanden ist. Weiter oben gab es Fehlentscheide – die nur teilweise korrigiert werden konnten und deren Folgen wir heute noch ausbaden. Unterstützungsangebote von unserer Seite auf nationaler Ebene wurden mehrfach gemacht.

Wie steht es mit gewissen Kostendämpfungsmassnahmen, die zu einer Zweiklassenmedizin, einer zusätz­lichen Gefährdung der Versorgungssicherheit, einer schlechteren Behandlung chronisch Kranker und wegen falscher Anreize zu einer Staatsmedizin führen? Haben wir dank dieser Massnahmen bei einer Pan­demie dann Zustände wie in gewissen europäischen Ländern mit staatlich orientierten und durch Sparmassnahmen geschwächten Gesundheitssystemen? Manche dieser Kostendämpfungsmassnahmen geben den Eindruck, dass das Gesundheitswesen als komplexes System nicht verstanden wurde und relevante Kollateralschäden auftreten werden, falls die Massnahmen tatsächlich so umgesetzt werden sollten. Es droht eine Gefährdung der Versorgungssicherheit, unter anderem personell, aber auch materiell durch eine ein­geschränkte Versorgung mit Medikamenten, Impfstoffen und Medizinalprodukten. Einige vorgeschlagene Massnahmen muten an wie eine Neuauflage von Ideen aus den Niederlanden: Dort mussten die Massnahmen aber bereits wieder korrigiert werden. Unser Berufsethos wird uns, gemeinsam mit anderen Medizin­al- und Gesundheitsberufen, zum Handeln zwingen. Es geht um die Gesundheit unserer Patientinnen und ­Patienten sowie um unsere eigene Gesundheit. Der ­Lösungsansatz wäre Partizipation, zeitgerecht und ­adäquat, um unser gemäss OECD bestes Gesundheitswesen zu bewahren und in die Zukunft zu führen. Man sollte mit den Medizinal- und Gesundheitsbe­rufen Massnahmen erarbeiten und nicht gegen diese. Damit dies auf nationaler Ebene gelingt, benötigen wir unter den Entscheidungsträgern Gesprächspartner, die über das nötige Fachwissen und berufliche prak­tische Erfahrung in Medizin und Public Health verfüge­n. Nur so lassen sich die Prioritäten für die ­Gesundheit unserer Bevölkerung und für unser Gesundheitswesen richtig setzen. Unsere Unterstützungsangebote stehen.

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