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Zu guter Letzt

Definitionsmacht reflektieren – epistemic injustice

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19228
Veröffentlichung: 07.10.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(41):1326

Rouven Porz

Prof. Dr., Medizinethik und ärztliche Weiterbildung, Direktion Medizin, Insel Gruppe, Inselspital Bern, Mitglied der Redaktion Ethik der SÄZ

In den letzten Monaten war oft von «vulnerablen» ­Bevölkerungsgruppen die Rede: Menschen, die besonders geschützt werden müssen. Der Sinn des Begriffes ist eigentlich selbsterklärend. Es gibt Menschen, die aufgrund von bereits bestehenden Krankheiten und/oder Komorbiditäten schlimmer von COVID-19 getroffen werden könnten als andere, eher «gesunde» Menschen. Das ist medizinisch sicherlich richtig, aber es ist eben nur eine medizinische Sichtweise.

In genau dieser medizinischen Sichtweise veröffent­lichten die Herausgeber des renommierten englischen Medizinjournals The Lancet im April 2020 ein Editorial, in dem sie sich der Frage widmeten, was es bedeutet, «vulnerabel» zu sein [1].

Sie sprachen von kranken Menschen, armen Kindern, hungernden Kindern, Ungerechtigkeiten im Zugang zu Gesundheitsversorgung, sozial schwachen Menschen etc. Alles medizinisch richtig und moralisch korrekt, aber sie sprachen ‘über’ diese Menschen, nicht ‘mit’ ihnen, und schon gar nicht gaben sie ihnen eine wirkliche eigene ‘Stimme’; sie hatten ja für das Editorial kein sozial schwaches Kind ­interviewt. Sie definierten so nebenbei, wer vulnerabel ist und wer nicht. Ein klassischer Kardinalfehler, wenn man an den Satz «nothing about us, without us» denkt, den Slogan, den marginalisierte oder behinderte Menschen oder Bevölkerungsminoritäten gerne benutzen, um auszudrücken, dass nicht ‘über’ sie geredet werden sollte, ohne dass sie selbst ‘mit’reden können.

Eine kritische Antwort liess dann auch nicht lange auf sich warten. Erkenntnistheoretisch orientierte Philosophinnen und Medizinethikerinnen um Ayesha Ahmad, London, antworteten etwas ironisch, dass es nicht die entscheidende Frage sei, wer «vulnerabel» ist, sondern wer «Vulnerabilität» zuschreiben darf und wer nicht [2]. Entscheidend sei also eher, wer die Macht habe, andere als vulnerabel hinstellen zu dürfen. Diese Nuance in der Darstellung hat mich persönlich wirklich sehr beeindruckt.

Die Gruppe um Ayesha Ahmad führte weiter aus, dass es eben die «gelebten Erfahrungen» (lived experience) dieser als vulnerabel beschriebenen Gruppen sind, die eigentlich im Diskurs fehlen und keine wirkliche Stimme finden. Ahmad und ihre Mitstreiterinnen ­argumentierten nicht medizinisch, sondern soziologisch und erkenntnistheoretisch: Das eigene Wissen um die eigene Lebenswelt dieser scheinbar vulne­rablen Gruppen findet keinen ernsthaften Zugang zu den Entscheidungsträgern unserer Gesundheits­systeme. Das sei nicht gerecht; sie sprechen daher von eine­r epistemic injustice. Ungerecht (injust) sei es, weil es nicht fair ist, dass privilegierte Entscheidungsträger aus rein medizinischer Sicht annehmen dürfen, wer in die Kategorie «vulnerabel» reingehört und wer nicht. Erkenntnistheoretisch relevant (epistemic) sei es, weil es hier um die Bedingungen von Wissen, Wissenausdrücken, Zuhören und Gehörtwerden geht.

Das klingt jetzt vielleicht alles etwas theoretisch, aber das ist es ganz und gar nicht. Die letzten Monate haben uns ja praktisch gezeigt, welche Macht solche Defini­tionen von Vulnerabilität mit sich bringen.

Plötzlich wurden betagte Menschen und Behinderte in Alters- und Pflegeheimen hermetisch von der Aussenwelt abgeriegelt, zu ihrem eigenen Schutz, gut gemeint, weil ‘vulnerabel’. Aber der Aufschrei kam schnell, weil diese Menschen damit ihre wenigen sozialen Kontakte nicht mehr ausleben konnten. Alles ziemlich schwierig. Muss es auch sein. Es geht ja um ein hohes Gut: das ­Leben von Menschen.

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Adrian Ritter. Die Verletz­lichkeit des Menschen. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(31–32):960.

Korrespondenzadresse

rouven.porz[at]saez.ch

Literatur

1 Editorial. Redefining vulnerability in the era of COVID-19.
Lancet. 2020;395(April 4):1089.

2 Ahmad A, et al. What does it mean to be made vulnerable in the era of COVID-19? Lancet. 2020;395(May 9):1482.

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