Horizonte

Das Fax: 
Ein immer noch ­verfrühter Nachruf

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19307
Veröffentlichung: 03.02.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(05):193-194

Jakob Grieder

Dipl. Arzt, Ärztlicher Mitarbeiter der Informatik und Mitglied des CIRS Team, St. Claraspital, Basel

Der Durchbruch

Es war Alexander Bain, welcher vor 177 Jahren seinen Kopiertelegraphen zum Patent anmeldete. Es sollten aber noch einmal über 130 Jahre vergehen, bis asia­tische Schriftzeichen dem Telefacsimile, auch Fax ­genannt, zum weltweiten Durchbruch verhalfen.

Japanische Schriften mussten bis in die 1970er Jahre für Fernschreiben erst mühsam in das westliche ­Alphabet transkribiert werden, dank dem Fax liessen sich jene Texte nun erst­malig innert Sekunden in die ganze Welt ver­senden. Und nicht nur diese. Zeitungsredaktionen ­erhielten eilig entwickelte ­Fotos aus Übersee gefaxt, schriftliche Verträge wurden von Juristen per Fax über Telefonlinien zu­gestellt, und bald nutzten auch Ärztinnen und Ärzte das mittlerweile bezahlbare Gerät rund um den Globus.

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Der wohlverdiente Ruhestand

In den frühen 1990er ­Jahren registrierte die Deutsche Post erstmals über eine Million privater Faxanschlüsse. Selbst für Studenten gab es nun erschwingliche Faxgeräte. Ich tauschte mit meinen Kommilitonen Multiple-Choice-Übungen für die Medizinalprüfungen per Fax aus und wartete gebannt, bis die handschriftlichen Notizen meiner Freunde aus dem Gerät quollen. In meiner Zeit als Assistenzarzt schliesslich faxten Kollegen dem Chef das verdächtige Kardiotokogramm seiner Patientin, und die diensthabende Kardiologin bekam sonntags das frische EKG per Fax nach Hause zur Beurteilung. Hausärzte faxten mir ihre Notfallanmeldungen und den Apotheken das Rezept. Und so manchen zugefaxten Austrittsbericht einer Überweisung musste ich spätabends vor dem Heimweg noch abtippen, denn automatische Texterkennung steckte damals noch in den Kinderschuhen.

Einigen Patientinnen und Patienten weltweit dürfte das Fax wohl auch das Leben gerettet haben. So wünsche ich dem Faxgerät auch nicht den Tod, sondern bloss den wohlverdienten Ruhestand. In Ehren.

Eine Frage der Sicherheit

Nun sagen Sie vielleicht: Schön und gut, aber mein ­IT-System ist auch nicht über alle Zweifel ­erhaben, als zusätzliche Sicherheit ­behalte ich noch das Faxgerät, es frisst kein Heu. Bis ins Jahr 2017 hätte ich Ihnen hier voll und ganz zugestimmt; damals stellte der Bundesrat nämlich fest, dass der Faxdienst nicht mehr zur Grundversorgung gehört, und eine grosse Telekommunikationsanbieterin liess uns wissen, dass sie die Faxversorgung ab 2018 «nicht mehr garantieren kann». Jedoch: «abgeschafft», wie die Boulevardpresse damals titelte, wurde das Fax eben nicht – nur noch unsicherer. Der Grund für den Bundesratsbeschluss war übrigens die weltweite Umstellung analoger Telefonie auf digitale Systeme, die sogenannte IP-Telefonie, welche ihren Namen vom Internet-Protokoll hat. Ihr handschriftliches Rezept wird also mittlerweile vom Faxgerät in ein Ton­signal um­gewandelt, welches für die IP-Telefonie wieder­um in Einsen und Nullen digitalisiert wird, um danac­h ­erneut in ein Ton­signal zurückgewandelt zu werden, damit schlussendlich bei der Apothekerin die Rezeptkopie aus deren Fax gedruckt wird. Vertikalstreifen ­inklusive, falls die nasse Tinte bei Ihnen den Faxscanner bekleckert hatte. Im Wissen, dass das e-Rezept heute leider noch nicht schweizweit verbreitet ist, gestehe ich Ihnen diese Anwendung noch zähneknirschend zu. Aber vielleicht können Sie Ihrer Apotheke ja sogar schon den Scan über eine sichere E-Mail-Verbindung zukommen lassen. In den meisten Spitälern und Betrieben werden eingehende Faxe übrigens über oft extern eingekaufte Systeme digitalisiert und in E-Mails mit PDF-Datei-Anhang überführt. Schwierig zu erkennen: War der Kaliumwert auf dem zittrigen Fax jetzt eine 3 oder eine 6? Nein, der Computer kann das eingescannte Fax auch nicht sicherer auflösen als Sie. OCR-Software (Optical Character Recognition) ist zwar heute auf einem hohen Niveau, aber auch hier entstehen Fehler. Und so werden die gesetzlich vorgeschriebenen (elektronischen) Archive von Kliniken weiterhin fröhlich immer mal wieder mit unleserlichen Faxnachrichten gefüllt. Wenn dies dem elektronischen Patientendossier dereinst erspart werden kann, wäre allen gedient.

Infektionsmeldungen per Fax

Seit Beginn der Pandemie hat das nichtmedizinische Publikum wohl mit einem gewissen Erstaunen fest­gestellt, dass auch die höchste Gesundheitsbehörde der Schweiz Infektionsmeldungen per Fax entge­gennimmt. Einige interessierte Millennials dürften den Begriff im März sicher gegoogelt haben. Immerhin wurde nach der ersten Faxflut relativ zügig auch ein elektronisches Meldesystem auf die Beine gestellt.

Auch hier: Als Sender haben Sie beim Faxversand keinerlei Kontrolle über die Lesbarkeit einer Faxübertragung, ein Sendereport gibt Ihnen lediglich eine Aussage dar­über, dass eine Faxübertragung an ein Endgerät stattgefunden hat, was aber keine Aussage über die Lesbarkeit des ausgedruckten Dokuments zulässt. Von denjenigen Fällen, wo (tatsächlich noch existierende) physische Empfänger-Faxgeräte keinen Strom, keine Tonertinte, keine freie Telefonleitung oder kein Papier hatten, mal ganz zu schweigen.

Für alle Fälle gerüstet

Apropos Sicherheit: Ja, Computersysteme und Internet können auch ausfallen. Aber wenn Sie wirklich für alle Fälle gerüstet sein möchten: Stellen Sie ein regelmäs­siges Backup Ihrer EDV sicher, und überlegen Sie sich, ­allenfalls ein zweites Smartphone bei einem anderen Anbieter zu nutzen. Dieses kann durchaus auch mit einer Prepaid-SIM-Karte ohne monatliche Fixkosten versehen werden. Mindestens alle drei Monate sollten Sie dieses Ersatz-Smartphone aber auch benutzen, damit die Nummer nicht gesperrt und die Batterie geladen wird.

Credits

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Mühlenberg 5
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joggim[at]gmail.com

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