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Weitere Organisationen und Institutionen

Psychische Gesundheit

Dringend nötig: ein globaler Blick auf psychische Erkrankungen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20113
Veröffentlichung: 13.10.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(41):1326-1328

Catrina Mugglina, Gabriel Thorensb, Daniele Zullinoc, Peter Castelinod, Livia Winzelere, Thomas Müllerf, Conrad Freig, Justina Rackauskaiteh, Barbara Hochstrasseri, Stefan Klöpperlj, Sebastian Waltherk, ­Monika Müllerl für Delta – develop life through action

a Dr. med. Dr. phil. nat., stv. Kantonsärztin Kanton Solothurn*; b Dr. med., Leitender Arzt, Abteilung Abhängigkeitserkrankungen, Institut für Psychiatrie HUG Genf; c Prof. Dr. med., Chefarzt, Institut für Abhängigkeitserkrankungen, Institut für Psychiatrie HUG Genf; d Dr. med., Gründer, Direktor COOJ Mental Health Foundation, Goa, Indien; e lic. phil., Fachpsychologin Universitätsklinik für Alterspsychiatrie und -psychotherapie Bern*; f Prof. Dr. med., Psychiatrie Universität Bern, Ärztlicher Direktor Privatklinik Meiringen**; g Dr. med.,ehem. Chefarzt Psychiatrie Obwalden/Nidwalden**; h Oberärztin Klinik für Alterspsychiatrie, Luzern; i Dr. med., Chefärztin Privatklinik Meiringen**; j Prof. Dr. med., Alterspsychiatrie Universität Bern, UPD Bern; k Prof. Dr. med., Psychiatrische Neurowissenschaften, Universität Bern, Chefarzt Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bern**; l Dr. med. Dr. phil. nat., Oberärztin Universitätsklinik für Psychiatrie und-Psychotherapie Bern, Visiting Lecturer Center for Global Mental Health, King’s College London*

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Der Schweizer Verein Delta unterstützt die fachgerechte Behandlung psychisch erkrankter Menschen in ressourcenarmen Ländern wie Indien.

Die Bedeutung und Relevanz psychischer Gesundheit ­darf nicht vergessen werden. Besonderes Augenmerk wird im Folgenden gelegt auf den globalen ­Kontext psychischer Erkrankungen und deren Unterversorgung in ressourcenarmen Ländern. Die Schweizer Initiative «Delta –develop life through action» fördert in diesen Ländern eine fachgerechte Behandlung von Betroffenen.

Auswertungen der Global Burden of Disease Study zeigen eindeutig, dass psychische Erkrankungen in ressourcenarmen Ländern zunehmen und die dadurch hervorgerufenen Gesundheitseinschränkungen besorgniserregend hoch sind [1]. Weltweit sind psychische Erkrankungen in allen Altersgruppen und allen Geschlechtern für 14% der Years Lived with Disability verantwortlich. Bei Menschen im erwerbsfähigen Alter ist Depression der zweithäufigste Grund für verminderte Lebensqualität und Suizid die dritthäufigste Todesursache. Absolut gesehen lebt der Grossteil ­depressiver Menschen in ressourcenarmen Ländern des Südens. Dies, weil gezeigt werden konnte, dass die Prävalenz psychischer Erkrankungen in diesen Ländern vergleichbar ist mit der in Industriestaaten, und weil der Grossteil der Weltbevölkerung in ressourcenarmen Ländern lebt [2].

Neben den relevanten gesundheitlichen Einschränkungen sind die Betroffenen häufig Opfer von Menschenrechtsverletzungen. In vielen Ländern werden ihre zivilen Rechte durch vormundschaftliche Massnahmen massiv beschnitten. Betroffene werden oftmals ohne Behandlungsauftrag und gegen ihren ­Willen langfristig in Institutionen, inklusive Gefängnissen, untergebracht. Auch sind psychisch kranke Menschen im Vergleich zur Normalbevölkerung häufiger von Obdachlosigkeit betroffen [3]. Die Konsequenzen betreffen die gesamte Gesellschaft. Eine kürzlich publizierte Studie hat die zu erwartenden volkswirtschaftlichen Vorteile bei adäquater Therapie von Depression und Angststörungen untersucht [4]. Der wirtschaftliche Gewinn, abgebildet durch wiedergewon
nene Arbeitsfähigkeit und Produktivität dank adäquater Therapie, übersteigt die durch die Behandlung entstehenden Kosten um ein Mehrfaches. Dieser Zusammenhang wurde in Indus­triestaaten und auch in ressourcenarmen Ländern festgestellt, doch psychisch erkrankte Menschen sind in ressourcenarmen Ländern häufig unterversorgt.

Psychiatrische Versorgungslücke ­in ressourcenarmen Ländern

Dem wachsenden Bedarf an professionellen Versorgungsstrukturen in ressourcenarmen Ländern wird gemäss WHO nur ungenügend Rechnung getragen. Der Mental-Health-Atlas bildet weltweit die vorhan­denen Ressourcen im Bereich psychiatrischer Versorgung ab [5]. In ressourcenarmen Ländern erhalten ­zwischen 50 und 90% aller Betroffenen mit einer psychischen Erkrankung keine fachgerechte Versorgung. Beispielsweise erhält in Industriestaaten jeder fünfte Betroffene mit schwerer depressiver Erkrankung den minimalen Behandlungsstandard. In ressourcenarmen Ländern ist dies nur für eine von 27 betroffenen Personen der Fall [6]. Im Durchschnitt ist in diesen Ländern ein Facharzt oder eine Fachärztin für zwei Millionen Einwohner zuständig, in Industriestaaten hingegen für 11 500 Einwohner [5, 7]. Unterversorgte Länder geben 0,25 Dollar pro Person und Jahr für ­psychische Erkrankungen aus und wenden lediglich 1% der gesamten jährlichen Gesundheitsausgaben für psychische Gesundheit auf [5, 7]. Psy­chische Erkrankungen sind somit die am meisten vernachlässigten Gesundheitsprobleme in ressourcenarmen Ländern.

Auch die internationale Gemeinschaft versagt weitgehend, wenn es um die Finanzierung von Programmen zur Behandlung psychischer Erkrankungen geht. Staatliche Entwicklungsfonds geben lediglich 0,85 Dollar pro Disability-adjusted life year (DALY) für psychische Erkrankungen aus. Demgegenüber stehen 144 Dollar pro DALY für HIV/AIDS und 48 Dollar pro DALY für Tuberkulose und Malaria [8, 9]. Als Konsequenz des weitgehenden Versagens der Staaten, eine adäquate psychi­atrische Versorgung zu gewährleisten, bezahlen die Betroffenen den Grossteil der Behandlungs- und Betreuungskosten selbst. Dies verstärkt die Unterversorgung zusätzlich, da psychisch kranke Menschen oft von Armut betroffen sind und sie sich deshalb adäquate professionelle Behandlung nicht leisten können. Das unterstreicht die Wichtigkeit von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) im Bereich psychischer Gesundheit.

Schweizer Initiative zur Verbesserung fachgerechter Behandlung

Delta – develop life through action ermöglicht als Schweizer Verein die fachgerechte Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in ressourcenarmen Ländern. Wir engagieren uns in der Ausbildung von Fachkräften, übernehmen Behandlungskosten für Personen, die sich eine adäquate Therapie aus eigener Finanzkraft nicht leisten können, unterstützen einheimische Institutionen im Auf- und Ausbau ihrer Gesundheitsdienstleistungen und fördern die Integration von Betroffenen in Beruf und Gesellschaft. Aktuell realisieren wir in Zusammenarbeit mit unseren lokalen Partnern vier verschiedene Projekte in Südindien. Exemplarisch möchten wir an dieser Stelle unsere Zusammenarbeit mit der COOJ Mental Health Foundation in Goa hervorheben, für die wir mit dem diesjährigen Prix Perspectives ausgezeichnet wurden. Der Förderpreis wird seit 15 Jahren an innovative Projekte vergeben, um Betroffene und ihre Angehörigen ins Zentrum zu rücken und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen. Der Verein Delta unterstützt COOJ seit 2016 bei der Errichtung eines alterspsychiatrischen Dienstes, initial mit dem Aufbau einer millieutherapeutischen, alterspsychiatrischen Tagesklinik und nun mit dem Geriatric Digital Intervention Program.

Besondere Herausforderung Covid-19

Das Geriatric Digital Intervention Program entstand als Antwort auf die Covid-19-Pandemie, die in Indien besonders ausgeprägt war. Die bereits vorbestehende Versorgungslücke für ältere Menschen mit psychischen Erkrankungen und kognitiven Einschränkungen hat sich durch die Pandemie deutlich akzentuiert. Ältere Mitmenschen erfahren als Risikopopulation besonders häufig eine Einschränkung auf das häusliche Umfeld. Dies verstärkt die im Alter ohnehin oft bestehende soziale Isolation. Sie hat einen enormen negativen Einfluss auf die Gesundheit im Allgemeinen und die psychische Gesundheit im Speziellen und gilt als mit dem Rauchen vergleichbarer Risikofaktor. Zudem fehlen in Indien aufsuchende und digitale Therapieoptionen weitgehend, obwohl genau diese für eine kontinuierliche, fachgerechte Versorgung während lang anhaltender Lockdowns unentbehrlich sind.

Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass sich rein digitale Therapieformate für ältere psychisch kranke Mitmenschen als ungünstig erwiesen haben. Die ältere Generation ist in Bezug auf die digitale Welt anders ­sozialisiert, so dass den Betroffenen technische Fertigkeiten oftmals fehlen. Dieser Problematik wollen wir mit dem Geriatric Digital Intervention Program entgegentreten. Ältere Betroffene erhalten dabei durch eine Kombination von aufsuchender psychiatrischer Unterstützung und digitaler Therapie fachgerechte Behandlung im häuslichen Umfeld. Das Therapieprogramm orientiert sich am Prinzip des Task-shifting.

In ressourcenarmen Ländern werden aufgrund des Mangels an Fachkräften einzelne Therapieelemente an Laienpersonen delegiert [10]. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Laien effizient verschiedene psychische Erkrankungen behandeln können, wenn sie entsprechend ausgebildet und supervidiert werden. Dies fördert die effiziente Nutzung der beschränkten Ressourcen, indem der Zugang zu psychiatrischer Behandlung erhöht wird und sich Fachkräfte um schwerer erkrankte Patientinnen und Patienten kümmern können. Die Digital buddies stellen sicher, dass sich die Patientinnen und Patienten im digitalen Raum zurechtfinden. Es sind Laienpersonen mit mindestens neun Jahren Schulbildung, die während eines Monats ein intensives Training bei COOJ erhalten, das sie auf ihre Aufgabe vorbereitet.

Ziel unseres Behandlungsprogrammes ist in einem ersten Schritt, die Digital literacy von älteren Menschen mit psychischer Erkrankung oder kognitiven Einschränkungen zu verbessern und somit eine Therapie unter Einbezug von digitalen Formaten überhaupt zu ermöglichen. In einem zweiten Schritt werden wir kognitive Strategien (kognitive Remediation, Gedächtnistraining, Problemlösestrategien) via auf Tablets vorinstallierten Apps einüben, um das Funktionsniveau im Alltag zu verbessern. Der Prix Perspectives ermöglicht uns, während einer einjährigen Pilotphase die Machbarkeit und Akzeptanz des Projekts im indischen Kontext zu evaluieren.

Weitere Informationen zum Verein Delta und ­seiner ­Arbeit sowie zu Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie unter: www.delta-ngo.ch

Das Wichtigste in Kürze

• Psychische Erkrankungen nehmen weltweit zu, und die dadurch verursachten Gesundheitseinschränkungen sind hoch. Gleichzeitig erhalten bis zu 90% der Betroffenen in ressourcenarmen Ländern keine adäquate Behandlung.

Delta develop life through action ermöglicht als Schweizer Verein fachgerechte Behandlung von psychisch kranken Menschen in diesen Ländern.

• Besonders auch im Hinblick auf die Covid-19-Pandemie ­arbeitet Delta zusammen mit der COOJ Mental Health Foundation in Goa, Indien. Entwickelt wurde das Geriatric Digital Intervention Program.

* Vorstandsmitglied Delta

** Mitglied Beirat Delta

Credits

Sensibilisierungskampagne Suizid von delta/COOJ in Goa, Indien

Korrespondenzadresse

Monika Müller
Verein Delta – develop life through action
CH-3000 Bern
monika.mueller[at]delta-ngo.ch

Literatur

 1 Global Burden of Disease Collaborators. Global, regional, and natio­nal incidence, prevalence, and years lived with disability for 354 diseases and injuries for 195 countries and territories 1990–2017: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study. 2017. Lancet. 2018;392(10159)1789–858.

 2 Steel Z, et al. The global prevalence of common mental disorders: a systematic review and meta-analysis 1980–2013. International journal of epidemiology. 2014;43(2):476–93.

 3 Beijer U, Andréasson S. Gender, hospitalization and mental disorders among homeless people compared with the general population in Stockholm. European Journal of Public Health. 2010;20(5):511–6.

 4 Chisholm D, et al. Scaling-up treatment of depression and anxiety: a global return on investment analysis. Lancet Psychiatry. 2016;3(5):415–24.

 5 WHO, Mental Health Atlas 2017. World Health Organisation. ­Geneva: 2017.

 6 Thornicroft G, et al. Undertreatment of people with major depressive disorder in 21 countries. Br J Psychiatry. 2017;210(2):119–24.

 7 Saxena S, et al. Resources for mental health: scarcity, inequity, and inefficiency. Lancet. 2007;370(9590):878–89.

 8 Patel V, et al. The Lancet Commission on global mental health and sustainable development. Lancet. 2018;392(10157):1553–98.

 9 Charlson FJ, et al. Donor Financing of Global Mental Health, 1995–2015: An Assessment of Trends, Channels, and Alignment with the Disease Burden. PLoS One. 2017;12(1):e0169384.

10 Purgato M, et al. Promotion, prevention and treatment interventions for mental health in low- and middle-income countries through a task-shifting approach. Epidemiol Psychiatr Sci. 2020;29:e150.

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