Tribüne

Aufwind für die interprofessionelle Ausbildung und Zusammenarbeit

Solide Basis für mehr

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.20322
Veröffentlichung: 01.12.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(48):1623-1626

Gert Ulricha, Sylvia Kaap-Fröhlichb

a Dr. phil., M.A., Careum Stiftung, Zürich; b Dr. rer. nat., MBA, Careum Stiftung, Zürich

Interprofessionalität ist aus der Gesundheitsversorgung kaum mehr wegzudenken. In der Schweiz herrschen grundsätzlich gute Rahmenbedingungen für eine bedürfnisorientierte Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen. Diese günstige Ausgangslage muss nun genutzt werden, um die Interprofessionalität im Schweizer Gesundheitswesen zu fördern und fest zu verankern.

«Da habe ich lange dafür gebraucht, dass ich gemerkt habe, dass die gar nicht so häufig miteinander reden. […] Ich habe es immer und immer wieder erlebt, dass ich pro Profession von Anfang bis Ende alles wiedererzählen muss. Das gibt mir kein Vertrauen in die Institution Krankenhaus» [1]. Dieses Zitat einer Patientin in der Schweiz zeigt recht eindrücklich, dass nach wie vor substantieller Handlungsbedarf in der Gesundheitsversorgung besteht. ­

Allerdings gibt es neben Aspekten der Patientenzu­friedenheit und -sicherheit weitere wesentliche Herausforderungen (demographischer Wandel, Zunahme an chronischen Erkrankungen, Kostenexplosion und Fachkräftemangel in Gesundheits- und Medizinal­berufen), mit denen das Gesundheitssystem in den nächsten Jahren verstärkt konfrontiert sein wird.

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Die interprofessionelle Zusammenarbeit und ihre Weg­bereiterin, die interprofessionelle Ausbildung, können sicherlich keine Allheilmittel für diese zen­tralen Herausforderungen sein. Dennoch können sie wichtige positive Effekte hinsichtlich der Gesundheit der Bevölkerung, der Gesundheitskosten, der Patientenerfahrung und des Wohles des Gesundheitspersonals, analog zum Quadruple Aim, bewirken [2].

Definition Interprofessionalität

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert (interprofes­sionelle) Zusammenarbeit folgendermassen: «Collaboration occurs when two or more individuals from different backgrounds with complementary skills interact to create a shared understand­ing that none had previously possessed or could have come to on their own» [3].

International Beachtung

Im Vergleich zu skandinavischen Ländern hinkt die Schweiz im Bereich der interprofessionellen Ausbildung und Zusammenarbeit noch hinterher. Doch ­haben in den letzten Jahren viele positive Entwicklungen dazu beigetragen, die Situation in der Schweiz verstärkt voranzutreiben. Das findet mittlerweile sogar international Beachtung.

Es gibt sehr viele Akteure in der Schweiz, die die interprofessionelle Zusammenarbeit und Ausbildung voranbringen wollen, zudem bestehen günstige Rahmenbedingungen, die sie zusätzlich unterstützen. Hier ist z.B. die Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) zu nennen, die mit mehreren Stra­tegien, wie z.B. Positionspapieren, Veranstaltungen, ­einem Award «Interprofessionalität» oder mit der

überarbeiteten Charta 2.0 «Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen» [4], die Interprofessionalität fördern will.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat ausserdem im Rahmen des Förderprogrammes «Interprofessionalität im Gesundheitswesen» 18 Forschungsprojekte im Bereich der interprofessionellen Zusammenarbeit und Ausbildung in Höhe von drei Millionen Franken mandatiert und die Ergebnisse nach Abschluss der Förderphase 2020 in vier Policy Briefs zusammengefasst [5]. Dank dem Förderprogramm wurde darüber hinaus ein Verzeichnis zu Modellen guter Praxis ins Leben gerufen, das erfolgreiche Projekte schweizweit bekannt machen und zur Nachahmung anregen soll [6]. Aktuell umfasst die Datenbank 76 interprofessionelle Modelle (Abb. 1).

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Abbildung 1: Kantonale Verteilung der vom BAG aufgelisteten ­Projekte zur Interprofessionalität in Abhängigkeit der jeweiligen Schwerpunktsetzung [1] (© careum).

Gesetzlicher Rahmen

Zur Strategie des Bundesrates «Gesundheit2020» gehörte auch das Ziel, die Ebene der Gesetzgebung anzugehen. So wurde neu in der Schweiz ein Gesundheitsberufegesetz (GesBG) ins Leben gerufen, und parallel dazu wurde das Medizinalberufegesetz (MedBG) überarbeitet. Beide Gesetze adressieren nun die Interprofessionalität, indem sie bspw. das Lernen mit anderen Berufsgruppen postulieren bzw. fordern, dass Fachpersonen geplante Massnahmen mit anderen Akteuren des Versorgungssystems abstimmen. Folglich müssen interprofessionelle Angebote in Zukunft z.B. sowohl via die Akkreditierungsverfahren von Stu­diengängen der Humanmedizin als auch der Ge­sundheitsberufe der Fachhochschulen berücksichtigt werden.

Engagement verschiedener Institutionen

Ebenfalls sehr erfreulich ist das Engagement der Bildungsinstitutionen, wobei die Fachhochschulen für Gesundheit besonders auffallen, da diese schon seit längerem interprofessionelle Lern- und Lehrsettings anbieten, bspw. gibt es im Bereich Gesundheit der Berner Fachhochschule und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften spezifische Fachstellen für interprofessionelle Lehre. Aber auch alle Medizinischen Fakultäten der Schweiz bieten inzwischen zumindest fakultativ interprofessionelle Lehre an, und auch die Lehr- bzw. Bildungspläne der Höheren Fachschulen und Berufsfachschulen für Berufe im Gesundheitswesen berücksichtigen den Erwerb interprofessioneller Kompetenzen.

Darüber hinaus setzt sich die Careum Stiftung traditionell sehr intensiv und auf mehreren Achsen für die interprofessionelle Ausbildung und Zusammenarbeit ein. In einem neueren Careum Working Paper zur interprofessionellen Ausbildung wird der aktuelle Stand in der Schweiz ausführlich analysiert, und aufbauend auf internationalen Interviews mit Expertinnen und Experten und nationalen Workshops werden Handlungsempfehlungen und Massnahmen für die Zukunft der interprofessionellen Ausbildung in der Schweiz abgeleitet [1]. Die Stiftung ist Partner des Projektverbundes zur Zürcher interprofessionellen klinischen Ausbildungsstation (ZIPAS, www.zipas.ch), wo Lernende und Studierende aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen und Bildungsstufen im Spital unter Super­vision in interprofessionellen Teams Patientinnen und Patienten betreuen [7].

Das insgesamt positive Bild zur Interprofessionalität in der Schweiz wird abgerundet durch das Engagement der Plattform Interprofessionalität (www.interprofessionalitaet.ch), die insbesondere auf die interprofessionelle Zusammenarbeit in der ambulanten Grundversorgung abzielt, sowie durch Angebote der SwissIPE (www.swissipe.ch), die Leadership-Kurse zur Interprofessionalität anbietet. Auch Lernende und Studierende zeigen sich aktiv und motiviert. So haben sich Studierende aus den Gesundheitsfächern zusammengetan und 2020 die Swiss Health Alliance for Interprofessional Education (SHAPED) gegründet. Deren Anliegen ist es, dabei zu unterstützen, die interprofessionelle Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen der Schweiz noch weiter zu verankern.

Wegweisende Aspekte für die Zukunft

Fasst man die Erkenntnisse des Careum Working Paper [1] und des BAG Policy Brief zur interprofessio­nellen Bildung [5] zusammen, können insbesondere folgende wegweisenden Aspekte für die nächsten Jahre in der Schweiz bilanziert werden:

– Es braucht ein nationales Netzwerk aus Forschungs-, Praxis- und Bildungsinstitutionen zu Interprofes­sionalität, das wiederum mit bestehenden und auch lokalen inter-institutionellen Netzwerken verknüpft werden sollte, um die bereits bestehenden Synergien zu konzentrieren.

– Es braucht ein einheitliches Verständnis für interprofessionelle Lernziele und Kompetenzen, die landesweit und verbindlich in der theoretischen und praktischen Ausbildung der Gesundheitsfachberufe berücksichtigt werden.

– Es sollten einheitliche Schulungen für interprofessionelle Lehrpersonen, aber auch für Patientinnen und Patienten (Patient as Teacher) in der interprofessionellen Ausbildung konzipiert und umgesetzt werden.

– Im Vordergrund der interprofessionellen Aus­bildung sollten realistische und praxisrelevante Ausbildungsformate zur Sicherung einer hohen Aus­bildungsqualität stehen. Landesweite Implementierungen von interprofessionellen klinischen Ausbildungsstationen (wie z.B. ZIPAS) und Diskus­sionen zum Transfer in den ambulanten Bereich könnten hierbei wertvolle Beiträge liefern.

– Es sollten zukünftig weitere im Gesundheits- und Sozialwesen beteiligte Berufe und Disziplinen, wie z.B. Sportwissenschaft, Biomedizinische Labordia­gnostik, Soziale Arbeit, Psychologie, aber auch weitere Akteure, wie z.B. Angehörige von Patientinnen und Patienten, freiwillig Arbeitende in Versorgungssettings, Versicherungen, Patientenorganisationen oder Gemeinden, im Feld der Interprofessionalität berücksichtigt werden.

– Auch die Etablierung von Advanced Practice Nurses mit erweiterter pflegerischer Praxis in der Schweiz wird neue interprofessionelle Handlungsfelder eröffnen.

Internationale Tendenzen

Weitet man den Blick über die Landesgrenzen hinaus und betrachtet die einschlägige internationale Literatur der letzten Jahre, wird zunächst ersichtlich, dass weiterhin nordamerikanische und skandinavische Länder führend in der interprofessionellen Ausbildung und Zusammenarbeit sind. Erfreulich ist jedoch, dass sich global mehr und mehr regionen- und/oder länderspezifische Netzwerke bilden, um interprofes­sionelle Zusammenarbeit möglichst weltweit zu verankern [8].

Ausserdem zeigt sich, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit verstärkt mit Fokus auf spezifische Krankheiten (z.B. Diabetes, Demenz oder psychische Erkrankungen) diskutiert wird. Dazu passt, dass international Bemühungen stattfinden, um einerseits die ambulante Grundversorgung vermehrt interprofes­sionell auszukleiden und andererseits weitere Berufsgruppen bzw. beteiligte Akteure mit an den Tisch zu holen, um die fragmentierte Versorgung in Berufssilos weiter zu durchbrechen.

Interessant ist auch, dass international neben der Ausbildung vermehrt auf Fort- und Weiterbildungen Wert gelegt wird, um Inter­professionalität stärker unmittelbar in die Ver­sor­gungspraxis zu integrieren, und dabei – forciert durch die Corona-Pandemie – auch überlegt wird, inter­professionelle Bildungsangebote online-basiert anzubieten [9].

Interprofessionalität verankern

Insgesamt ist es in der Schweiz gelungen, auf politisch-strategischer und gesetzgeberischer Ebene, auf Ebene der Bildungsinstitutionen und mit Hilfe vieler weiterer engagierter Akteure, Interprofessionalität insbesondere in der Bildung zukunftsträchtig zu positionieren. Par­allelen zu internationalen Aktivitäten bestätigen die eingeschlagenen Bestrebungen in der Schweiz. In den nächsten Jahren wird es vor allem darauf ankommen, diese günstigen Rahmenbedingungen zu nutzen, Interprofessionalität in der Schweiz dauerhaft und noch fundierter in theoretischer und praktischer Ausbildung zu verstetigen und langfristig finanziell ab­zusichern.

Zudem wird zentral sein, dass der Funke von der interprofessionellen Ausbildung auch auf Fort- und Weiterbildungen und auf die Versorgungspraxis überschlägt, wo den heutigen Auszubildenden, der workforce von morgen, die interprofessionelle Zusammenarbeit aktiv (vor-)gelebt werden sollte.

Schwerpunktserie Interprofessionalität

Die interprofessionelle Zusammenarbeit von Fachpersonen aus verschiedenen Gesundheitsberufen gilt als wichtiges Mittel, um den Herausforderungen im Gesundheitswesen zu ­begegnen. Aber wie weit ist die Schweiz in diesem Bereich tatsächlich? Welche Hürden und Chancen gibt es? In unserer Schwerpunktserie betrachten wir das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven.

Credits

Win Nondakowit | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

gert.ulrich[at]careum.ch

Literatur

1 Ulrich G, Amstad H, Glardon O, Kaap-Fröhlich S. Interprofessionelle Ausbildung im Schweizer Gesundheitssystem: Situationsanalyse, Perspektiven und Roadmap 2020 [18.10.2021]. www.careum.ch/workingpaper9-lang

2 Bodenheimer T, Sinsky C. From triple to quadruple aim: care of the patient requires care of the provider. Ann Fam Med. 2014;12(6): 573–6.

3 WHO. Framework for action on interprofessional education and collaborative practice 2010 [18.10.2021]. http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/70185/1/WHO_HRH_HPN_10.3_eng.pdf

4 SAMW. Charta 2.0 Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen 2020 [18.10.2021]. doi.org/10.5281/­zenodo.3865147

5 BAG. Policy Briefs – Erkenntnisse und Empfehlungen zur zielgruppenspezifischen Umsetzung 2020 [18.10.2021]. https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/nationale-gesundheitspolitik/foerderprogramme-der-fachkraefteinitiative-plus/foerderprogramme-interprofessionalitaet/policy-briefs-interprof.html

6 BAG. Verzeichnis Modelle guter Praxis – Interprofessionalität: Bundesamt für Gesundheit; 2020 [18.10.2021]. https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/nationale-gesundheitspolitik/foerderprogramme-der-fachkraefteinitiative-plus/foerderprogramme-interprofessionalitaet/projektverzeichnis-modelle-guter-praxis.html

7 Bärlocher A, Caduff U, Staudacher D, Ulrich G. Lernen ohne Professionsgrenzen. Physioactive. 2020(6):19–24.

8 Khalili A, Thistlethwaite J, El-Awaisi A, Pfeifle A, Gilbert J, Lising D, et al. Guidance on Global Interprofessional Education and Collaborative Practice Research: Discussion Paper. A joint publication by InterprofessionalResearch.Global and Interprofessional.Global. 2019 [18.10.2021]. interprofessionalresearch.global/global-ipecp-guidance/9 Kaap-Fröhlich S, Ulrich G, Wershofen B, Ahles J, Behrend R, Handgraaf M, et al. Positionspapier GMA-Ausschuss – «Interprofessionelle Ausbildung in den Gesundheitsberufen» – Aktueller Stand und Zukunftsperspektiven. GMS J Med Educ (under Review). 2021.

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