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Tribüne

Wenn chronisch kranke Menschen flüchten müssen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20630
Veröffentlichung: 16.03.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(11):360-361

Eva Mell

Stellvertretende Chefredaktorin der Schweizerischen Ärztezeitung

Millionen von Menschen sind auf der Flucht: Die Eskalation des Konflikts ­zwischen Russland und der Ukraine zwang Ärzte ohne Grenzen dazu, die bisherige Arbeit in der Ukraine auszusetzen. Die Teams der Hilfsorganisation passen sich der neuen Situation an und sorgen zum Beispiel dafür, dass chronisch kranke Geflüchtete ­Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten erhalten.

Zur Person

Monica Rull ist Medizinische Leiterin der internationalen, unabhängigen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mit Sitz in Genf.

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Monica Rull, Ärzte ohne Grenzen hatte in der Ukraine bis zum Beginn von Putins Invasion Ende Februar verschiedene Hilfsprogramme, vor allem zur Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen wie etwa AIDS. Diese Programme haben Sie eingestellt. Weshalb?

Mit dem Ausbruch der Kämpfe hat sich die Lage drastisch verändert. Wir mussten schnell auf Nothilfemassnahmen umstellen. Dabei gilt es die Dynamik der Offensive stets im Auge zu behalten, um auch unsere Teams nicht zu gefährden. Unter den veränderten ­Umständen war es nicht mehr möglich, unsere ambulanten Projekte fortzuführen.

Was bedeutet das für die Patientinnen und Patienten?

Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, um eine gewisse Kontinuität in der Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. Der Bedarf war bereits vor den jüngsten Ereignissen hoch, da die Menschen in der Ostukraine seit acht Jahren in einem Konflikt leben. Unseren Vorrat an Medikamenten und auch medizinisches Material für die Behandlung von Kriegsverletzten haben wir nun Spitälern g­espendet, mit denen wir in Kontakt stehen.

Welche Nothilfemassnahmen konnten Sie bisher einleiten?

Wir evaluieren fortlaufend die Situation und werden auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen, die entstehen. Transporte mit mehreren Tonnen medizinischen Hilfsgütern, darunter Material zur chirurgischen ­Versorgung vieler Verletzter, haben in der vergangenen Woche Kiew erreicht. Die Hilfsgüterlieferung soll helfen, den Grundbedarf von Intensivstationen, Notaufnahmen und Operationssälen in ukrainischen Spitälern zu decken. Die Güter werden nun an Spitäler in Kiew und in anderen Städten weiter östlich im Land verteilt, wo die Zahl der Verwundeten steigt und die Vorräte an medizinischen Produkten schnell zur Neige gehen. Viele Spitäler und Gesundheitseinrichtungen in den stärker vom Krieg betroffenen Regionen der ­Ukraine benötigen dringende Unterstützung mit medizinischem Material. Ausserdem stehen wir mit verschiedenen Spitälern in Kontakt und sind bereit, sie durch Trainings für die Versorgung von Verletzten zu unterstützen. Eine Herausforderung ist die Entsendung von Chirurgieteams, wir prüfen weiterhin aktiv, welche konkreten Möglichkeiten wir haben.

Wie bereitet Ärzte ohne Grenzen Mitarbeitende eigentlich auf Krisensituationen vor?

Je nachdem, in welchem Land sich ein Team befindet, gibt es Notfallpläne für verschiedene Szenarien, zum Beispiel für Naturkatastrophen, Epidemien oder bewaffnete Konflikte. Unser Personal wird für solche ­Situationen geschult und wir haben immer auch medizinische Güter vorrätig, die wir nicht für unsere reguläre Arbeit benötigen, sondern für den Ausnahmefall.

Haben Sie geahnt, dass es in der Ukraine zu solch einer Extremsituation kommen könnte?

Der Konflikt hat ein Ausmass erreicht, auf das niemand vorbereitet war. Sehr viele Menschen wurden vertrieben. Aber es ist nicht das erste Mal, dass wir an vorderster Front stehen und auch die Bedürfnisse enorm vieler flüchtender Menschen einschätzen müssen.

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Ein Aufnahmelager für ukrainische Flüchtlinge in Polen. Bildnachweis: zVg / Ärzte ohne Grenzen

Welche Hilfe leisten Sie bei Geflüchteten?

Wir haben uns in Ländern positioniert, die offen für die Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge sind und ­Unterkünfte eingerichtet haben. Dazu gehören etwa Polen, Ungarn oder Rumänien. Unsere Teams beurteilen die medizinischen Bedürfnisse der ankommenden Menschen.

Geht es dabei um Kriegsverletzungen?

Eher nicht. Das Problem ist vor allem, dass chronisch kranke Menschen auf der Flucht kaum Zugang zu einer für sie lebenswichtigen medizinischen Versorgung ­haben. Diese Menschen, die oft schon tagelang unterwegs waren, müssen nach ihrer Ankunft – und vor ­einer möglichen Weiterreise – so schnell wie möglich untersucht werden, damit ihre Behandlung nicht unterbrochen wird.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Wenn ein Diabetiker 15 Tage lang kein Insulin erhält, besteht für ihn ein hohes Sterberisiko. Wir müssen ­dafür sorgen, dass solche Menschen nicht vergessen werden. In den meisten Konflikten, in denen Ärzte ohne Grenzen bisher tätig war, werden solche Patientinnen und Patienten häufig übersehen.

Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine

Seit 2014 hat sich Ärzte ohne Grenzen für einen Zugang zu ­psychologischer und medizinischer Hilfe für Menschen entlang der Kontaktlinie in der Ostukraine eingesetzt. In Donezk hat die Organisation medizinische Gesundheitsversorgung angeboten, in Sjewjerodonezk HIV-Behandlung und in Schytomyr Tuberkulose-Behandlung, um nur drei Beispiele zu nennen. Am 26. Fe­bruar 2022 gab Stephan Cornish, Generaldirektor von Ärzte ohne Grenzen Schweiz, in einer Videobotschaft bekannt, dass die ­Organisation die bisherigen Projekte aufgrund der Eskalation des Konflikts mit Russland aussetzen muss, um die Hilfe an die neue Lage anzupassen.

Wie sorgen Sie für die Sicherheit Ihrer Mitarbeitenden, die noch in der Ukraine sind? Können Sie das überhaupt?

Wenn alle Konfliktparteien medizinische Hilfe respektieren und gutheissen, dann ist das die Hauptgarantie für die Sicherheit unseres Personals und auch aller ­anderen Mitarbeitenden des Gesundheitswesens. Falls wir jedoch keine Garantien haben, dann haben wir kaum Möglichkeiten, die Sicherheit unseres Personals in solch einer Situation zu gewährleisten. Wir bleiben natürlich in Kontakt mit unseren lokalen Mitarbeitenden und versuchen sie so gut es geht zu unterstützen, auch bei der Ausreise, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Wir appellieren in jedem Konflikt an alle Beteiligten, die ­humanitäre Hilfe und das medizinische Personal zu ­respektieren. Denn das ist die Verantwortung aller.

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