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Tribüne

Inselspital bildet Stroke-Fachleute von morgen aus

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20700
Veröffentlichung: 13.04.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(1516):525-526

Rahel Gutmann

Junior-Redaktorin der Schweizerischen Ärztezeitung

Ärztinnen und Ärzte aus ganz Europa erweitern ab sofort ihr Wissen über Hirnschlagversorgung am Universitätsspital Bern. Der neue Weiterbildungsstudiengang in Stroke Medicine ist interaktiv, vernetzt Fachleute und erweitert das Angebot des Inselspitals, dessen Stroke Center zu den führenden in Europa gehört.

«Gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen des Stroke Center Bern habe ich die Initiative ergriffen, um den Stroke Master in die Schweiz zu holen», erzählt Prof. Urs Fischer, Chefarzt am Universitätsspital Basel und ehemaliger Co-Leiter des Stroke Center des Inselspitals Bern. Bereits zuvor war das Berner Stroke Center eines der führenden Zentren in Sachen Hirnschlagversorgung, jetzt wird es international noch bedeutender: Ab sofort wird hier die nächste Generation von Stroke-Fach­leuten aus ganz Europa ausgebildet. Im Master of ­Advanced Studies (MAS) in Stroke Medicine erhalten sie fundierte Kenntnisse über die Behandlung von Hirnschlägen und die dafür nötige Infrastruktur.

Und das kam so: Bis Ende 2020 wurde das «European Master Programme in Stroke Medicine» als Postgra­duate-Studium an der Universität Krems in Österreich angeboten. Weil der dortige Studienleiter den Master altersbedingt nicht mehr weiterführen konnte, wäre er eingestellt worden. Das wollten Urs Fischer und seine Kolleginnen und Kollegen am Stroke Center Bern verhindern und regten an, dass sich das Universitätsspital Bern zusammen mit der Universität Bern, die mit dem bifakultären «Sleep Master» seit 2018 bereits ein ähn­liches Programm anbietet, darum bewerben.

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Dass der Studiengang nach Bern gekommen ist, ist nur logisch. Bereits seit 2013 wird in Bern jedes Jahr eine Stroke Winter School durchgeführt, an der Fachärztinnen und Fachärzte aus ganz Europa teilnehmen. Der Studiengang sei sozusagen eine Weiterentwicklung davon, sagt Fischer. Als ehemaliger Generalsekretär der European Stroke Organisation (ESO) hatte er zudem bereits enge Kontakte zur Gesellschaft, die den Stroke Master in Form von Stipendien mitträgt.

Online und berufsbegleitend

Das zweijährige Studium wird mehrheitlich online stattfinden dank einer digitalen Plattform, die extra für den MAS geschaffen wurde. «Wir legen Wert auf ein interaktives Programm. Über die Plattform können die Studierenden mit Stroke-Expertinnen und -Experten aus aller Welt kommunizieren», erklärt Prof. Simon Jung, Mitinitiant und Leiter des Stroke Master und Leiter des Neurologischen Notfall- und Konsildienstes sowie Stell­vertretender Leiter der Neurologischen Intensivmedizin am Inselspital. Statt Frontalunterricht sollen wenn immer möglich aktivere Lernformen eingesetzt ­werden. Gleichzeitig sind die Teilnehmenden durch das Onlineformat nicht an feste Zeiten gebunden und können ihn berufsbegleitend absolvieren.

Insgesamt werden sie für drei Module von je einer ­Woche vor Ort in Bern sein. «Hier lernen sie in einem Simulationskurs die praktische Hirnschlagbehandlung, werden Ultraschalluntersuchungen an Halsgefässen durchführen oder an einem Modell üben, wie man mit ­einem Katheter ein Blutgerinnsel herausholt», beschreibt Jung die geplanten Aktivitäten. Ergänzt wird diese Erfahrung durch insgesamt drei Wochen Praktika in mindestens zwei Stroke Centers in ­Europa. Dabei sollen die Teilnehmenden lernen, wie ein solches Zentrum auf­gebaut ist und wie die Zusammenarbeit mit den um­liegenden Spitälern funktioniert.

Die Programmleitenden wollen mit dem MAS die Stroke-Ärztinnen und -Ärzte der Zukunft ausbilden, wie sie ­betonen. Das Programm soll die Teilnehmenden dazu befähigen, an ihren Arbeitsorten leitende Funktionen einzunehmen und den Aufbau von Stroke Centers und Stroke Units in ihren Herkunftsländern voranzutreiben.

Teilnehmende aus ganz Europa

Über 50 Personen haben sich für den MAS beworben, von denen 34 ausgewählt wurden. Das Organisations­team freut, dass Teilnehmende aus ganz Europa inklusive Ländern wie der Türkei oder Georgien dabei sein werden: «Wir möchten insbesondere Leuten aus Ost- und Südeuropa die Möglichkeit geben, sich weiterzubilden.» Denn dort seien das Wissen über Hirnschlag und die Versorgungsqualität noch nicht gleich gut wie in der Schweiz und ihren Nachbarländern.

«Zielgruppe des Masters sind Ärztinnen und Ärzte, die bereits in der Hirnschlagbehandlung tätig sind. Da­neben richtet sich das Programm aber auch an spezia­lisierte Therapeutinnen und Therapeuten, die ihr ­Fachwissen erweitern wollen», erklärt Simon Jung. Die Öffnung für andere Disziplinen ist neu. Fischer ergänzt: «Wir wollten uns nicht nur auf Medizinerinnen und Mediziner limitieren. Wieso soll zum Beispiel eine Pflegewissenschaftlerin nicht so ein Masterprogramm absolvieren können?» Er fügt allerdings auch an, dass die Mehrheit der Teilnehmenden bisher aus der Humanmedizin stammt.

Wissen erweitern

FRAGILE Suisse, die schweizerische Patientenorgani­sation für Menschen mit Hirnverletzung und deren ­Angehörige, begrüsst das Masterprogramm. Auch aus Patientensicht sei es sinnvoll, wenn Fachpersonen ihr Wissen über die Behandlung von Hirnschlagpatientinnen und -patienten erweitern können, sagt Martin D. Rosenfeld, Geschäftsleiter von FRAGILE Suisse. Immerhin stellen Hirnschläge weiterhin den häufigsten Grund für Behinderungen im Erwachsenenalter dar. Rosenfeld weist allerdings darauf hin, dass ­neben der Akutversorgung auch die Langzeitperspektive einbezogen werden sollte: «Die medizinisch-­neurologische Versorgung von Hirnschlag-Patientinnen und -Patienten ist das eine, die Problematik, die sich nach Beendigung der Akutversorgung zeigt, das andere.» Denn ein Hirnschlag verändere die Lebens­situation der Betroffenen und ihrer Angehörigen schlagartig und könne oft zu langanhaltenden ­Beeinträchtigungen führen.

Diese Schwierigkeit sieht auch Urs Fischer. Gerade in ressourcenarmen Ländern sei ein Hirnschlag sehr einschneidend für die Betroffenen und ihre Ange­hörigen: «Wenn beispielsweise eine junge Mutter ­einen Hirnschlag hat, dann fällt sie als Versorgerin aus.» Deshalb brauche es nicht nur bessere Behandlungsmöglichkeiten, sondern auch ­Öffentlichkeitskampagnen. Grosse Hoffnungen setzt Fischer auf die Weiterentwicklung von Gadgets wie der Smartwatch, die eines Tages durch die Überprüfung des Herzschlags frühzeitig erkennen könnte, wann eine Abklärung nötig ist. Er ist überzeugt: «In Zukunft werden sich viele Hirnschläge verhindern lassen.»

Stroke Center des Inselspitals Bern

Das Berner Stroke Center wird von Prof. Dr. med. Marcel Arnold geleitet. Es ist das grösste Hirnschlagzentrum der Schweiz. Jährlich werden über 3000 Hirnschlag­­patientinnen und ­-patienten betreut.

Credits

Bret Kavanaugh / Unsplash

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