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Risiken ionisierender Niedrigstrahlung ernst nehmen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20871
Veröffentlichung: 07.09.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(36):37-39

Claudio Knüslia, Martin Walterb, Andreas Nideckerc, Beppe Savary-Boriolid, Franco Cavallie, Urs Rüeggf, für den Vorstand PSR/IPPNW Schweiz

Claudio Knüsli

Dr. med., Innere Medizin /Onkologie FMH, Vorstandsmitglied PSR / IPPNW Schweiz

a Dr. med. Innere Medizin / Onkologie FMH; b Dr. med. Innere Medizin FMH; c Prof. (em.) Dr. med. Radiologie FMH; d Dr. med. Allgemeine Innere Medizin FMH, Notarzt SGNOR/FMH, Leitender Notarzt, CU en médecine de catastrophe (Paris/Amiens), Präsident PSR/IPPNW Schweiz, e Prof. (em.) Dr. med. Innere Medizin / Onkologie FMH, Präsident, Institut für onkologische Forschung (IOR), Bellinzona; f Prof. (em.) Dr. sc. nat. ETH Pharmakologie

StrahlensicherheitDie aktuellen Richtlinien der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP) aus dem Jahr 2007 sind teilweise überholt. Die Resultate von mehr als 20 epidemiologischen Studien der vergangenen 15 Jahre zeigen erhöhte gesundheitliche Strahlenrisiken im Niedrigdosisbereich auf. Ein Grund, der medizinischen Denkweise beim Schutz der Bevölkerung mehr Gewicht zu geben.

Unzutreffendes Faktenblatt

Im «Faktenblatt» des Bundesamtes für Energie (BFE) vom 7.12.2018 [3] steht: «Statistische Auswertungen bei grösseren Bevölkerungsgruppen zeigen, dass bei Strahlendosen unterhalb von 100 mSv keine Gesundheitseffekte nachweisbar sind.» Diese Aussage widerspricht neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen. So zeigten bereits vor 2018 vorliegende Studienergebnisse, die wir zitierten [1], wonach bei Strahlendosen unterhalb von 100 mSv – definitionsgemäss eine «niedrige Dosis ionisierender Strahlung» ([2] und Tabelle 1) – ein erhöhtes Krebsrisiko besteht. Die Metaanalyse des National Cancer Institute (NCI) der USA vom Juli 2020 ([4] und Tabelle 2) ergab zusätzliche Klarheit. Diese Analyse von 26 epidemiologischen Studien, die von 2006 bis 2017 publiziert wurden, kommt zum Schluss, dass Strahlendosen unter 100 mSv zu einem erhöhten Krebsrisiko führen. Wir wandten uns deshalb im Oktober 2020 mit einer Stellungnahme [5] an die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrats (UREK-N) – unter anderem mit dem Anliegen einer Revision des Faktenblatts des BFE [3].

Studienresultate zu Gesundheitsrisiken

Die ICRP ist die massgebende internationale Strahlenschutzbehörde. Seit der Publikation der Richtlinien im Jahre 2007 [6] waren zahlreiche Experten der ICRP in mehreren epidemiologischen Studien über die Effekte niedriger Strahlendosen involviert. So sind auch 6 der 16 Autorinnen oder Autoren der NCI-Studie [4] Mitglieder der ICRP. Bereits im Jahre 2017 hatte die ICRP in einer Metaanalyse festgestellt, dass Studienresultate zu niedrigen Strahlendosisraten komplementär zu jenen von japanischen Atombombenüberlebenden sind [7].

Die ICRP vermittelt auch Lehrveranstaltungen zu Gesundheitsrisiken durch Strahlendosen unter 100mSv, wobei sie umfassend über die NCI-Metaanalyse [4] orientiert. Ebenfalls wurden die Resultate der Pionierleistung der britischen Epidemiologin Alice Stewart aus den 1950er-Jahren kürzlich bestätigt [8]. Sie hatte nachgewiesen, dass die damalige radiologische Abklärungspraxis von Schwangeren mittels Röntgenaufnahmen des Abdomens zu einer massiven Erhöhung des kindlichen Malignomrisikos führte: Bei einer fötalen Dosis von 10 mGy erhöht sich die Krebsinzidenz bis zum 15. Lebensjahr um 50 %.

Aufgrund des jahrzehntelangen Monitorings von japanischen Atombombenüberlebenden und von Verstrahlten der Kernkraft-Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima sind viele strahlenverursachte nicht-maligne Krankheiten und Fortpflanzungsstörungen bekannt [5]. Für Strahlendosen unter 100 mSv wurde ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen und deren Folgen, wie Myokardinfarkte oder Hirnschläge, beschrieben [9]. Die Grössenordnung strahleninduzierter kardiovaskulärer Todesfälle ist ähnlich wie jene von Malignomen.

Methodik infrage gestellt

Zur Frage wie viele Krebs- und schwere Krankheitsfälle in der Schweiz jährlich auf die Einwirkung durch niedrige Dosen ionisierender Strahlung zurückgeführt werden können, gibt es keine belastbaren Untersuchungen, insbesondere im Kernenergiebereich.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat hat jedoch im Jahr 2018 die zusätzlichen Krebstodesfälle im Falle eines Auslegungsstörfalls der Häufigkeitskategorie 1:10 000 Jahre im Kernkraftwerk Gösgen unter Anwendung der Kollektivdosisberechnungsmethode errechnet [10]. Diese Methodik wurde allerdings kürzlich infrage gestellt [11].

Was ist die potenzielle Opferzahl bei schweren Kernkraftwerksunfällen? Auch die Schweiz war von der Verstrahlung Europas durch die Explosion im Kernkraftwerk in Tschernobyl am 26. April 1986 betroffen. Während der ersten 20 Jahre betrug die kumulierte Strahlendosis rund 3500 Sievert [12], was bei etwa 400 in der Schweiz wohnhaften Personen zu einer tödlich verlaufenden Krebserkrankung geführt haben dürfte oder noch führen dürfte, gemäss Berechnungen der Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz und Überwachung der Radioaktivität des BAG [13] sowie Zahlen der WHO [14].

Résumé

Eine Revision des Faktenblatts des Bundesamts für Energie [3] ist aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht dringend notwendig. Folgender Wortlaut sei vorgeschlagen:

«Viele neue Publikationen mit grösseren Bevölkerungsgruppen zeigen, dass auch bei Strahlendosen deutlich unterhalb von 100 Millisievert ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen nachweisbar ist. Ferner weisen zahlreiche epidemiologische Studien auf erhöhte Risiken für andere Krankheiten (unter anderem Herz-Kreislauf-Krankheiten) und Fortpflanzungsstörungen nach Exposition durch Strahlendosen von unter 100mSv hin.»

Im Hinblick auf künftige Strahlenschutz-Richtlinien muss schliesslich ein Konsens zur Methodik der Schätzung der Anzahl strahlungsinduzierter Krebserkrankungen sowie weiterer, nicht-maligner Gesundheitsschäden durch niedrige Strahlendosen gefunden werden. Hier ist eine enge Zusammenarbeit des BFE mit dem BAG wünschenswert.

Literatur:

1 Cavete Collegae: Erosion des Strahlenschutzes! Knüsli C, Walter M, Nidecker A, Schiltknecht J, Moser J, Fasnacht JJ, Wölnerhanssen B, für den Vorstand PSR/IPPNW. Schweiz Ärzteztg. 2018; 99(22):703–706. https://doi.org/10.4414/saez.2018.06677

2 Dokumentation PSR/IPPNW Schweiz zu Gesundheitseffekten durch niedrige ionisierende Strahlendosen (low dose ionizing radiation, LDIR) https://www.ippnw.ch/wp-content/uploads/2022/07/Literaturlistenergaenzung-zu-LDIR.pdf

3 Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Energie BFE: Faktenblatt zu den Teilrevisionen der Kernenergieverordnung https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/55026.pdf

4 Hauptmann M, Daniels RD, Cardis E, Cullins HM, Kendall G, Laurier D et al. Epidemiological Studies of Low-Dose Ionizing Radiation and Cancer: Summary Bias Assessment and Meta-Analysis. J Nat Cancer Inst Monogr. 2020;56:188–200. https://academic.oup.com/jncimono/article/2020/56/188/5869934

5 Stellungnahme von PSR/IPPNW Schweiz vom 23.10.2020 https://www.ippnw.ch/2021/11/03/stellungnahme-von-psr-ippnw-schweiz-vom-23-10-2020-zum-bericht-des-bundesrats-vom-2-3-2018-erfuellung-des-postulates-08-3475-v-nationalrat-h-j-fehr-kenntnisstand-betreffend-risiken-ionisierend/

6 The 2007 Recommendations of the ICRP Publication 103. Ann. ICRP 37 (2–4) https://www.icrp.org/publication.asp?id=ICRP%20Publication%20103 (abgerufen am 29.7.2022)

7 Shore R, Walsh L, Azizova T & Rühm. Risk of solid cancer in low dose-rate radiation epidemiological studies and the dose-rate effectiveness factor. Intl J Rad Biol 2017;93/10:1064–1078 https://doi.org/10.1080/09553002.2017.1319090

8 Wakeford R, Bithell J F. A review of the types of childhood cancer associated with a medical X-ray examination of the pregnant mother. Int J Rad Biol 2021;97/5:571–592. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33787450/

9 Little M P. Radiation and circulatory disease. Mutation Research. 2016;770(Pt B):299–318. DOI: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27919337/

10 Beantwortung der Frage 35 TFK (ENSI) 2019 https://www.ensi.ch/de/technisches-forum/revision-der-verordnungen-im-kernenergiebereich-strahlenschutz/ (abgerufen am 29.7.2022)

11 Hafner L, Walsh L. Valid versus invalid radiation cancer risk assessment methods illustrated using Swiss population data. J Radiol Prot. 2021;41:1228. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34551406/

12 Tschernobyl 2016 – 30 Jahre danach – BAG – Der Bundesrat admin.ch https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/gesund-leben/umwelt-und-gesundheit/strahlung-radioaktivitaet-schall/radiologische-ereignisse-notfallvorsorge/freisetzung-von-radioaktivitaet/tschernobyl.html

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