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Zu guter Letzt

Vor-Sorge

Erhard Taverna

DOI: 10.4414/saez.2017.05352
Veröffentlichung: 15.02.2017
Schweizerische Ärztezeitung | Bulletin des médecins suisses | Bollettino dei medici svizzeri | 2017;98:07

«Rank und schlank, flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl», so wünschte sich der Maler aus Braunau seine organisierte Jugend. Seine Sprüche sind nicht mehr zeitgemäss, doch harte Jungs und Mädels sind es wieder. «No pain, no gain», Liegestützen bis zum Gehtnichtmehr, Durchhalteparolen: «Du gibst ­alles aber niemals auf.» Grossformatige Plakate werben für Fitnessstudios mit Aufschriften wie «Den inneren Schweinehund an die Leine nehmen» oder «Meinem Körper zeigen, was er kann». Kein Gramm Fett am Bauch, angespannte Muskeln, hartes Training, ein Ziel: «Werde Teil von etwas Grossem. Dir selbst.» Wer so markig auftritt, verfügt über Gesundheitszentren, Fitness-Clubs und Wellness-Oasen. Überwachung und Selbstoptimierung sind im Trend. Das militärische Ideal hat ausgedient, die neue Marschrichtung heisst Gesundheit. Kein Lebensbereich bleibt verschont, Bewegung, Ernährung, Sex und Schlaf dienen der Selbstverbesserung. Schneller, weiter, höher, wer ausdauernd an sich arbeitet, wird belohnt. Das säkulare Heilsversprechen eines langen, pannenfreien Genusslebens zelebriert den absoluten Vorrang der Biologie. Der Weg zum Ziel führt über Gebote und Verbote, Aske­se, ästhetische Vorbilder und Sprudelbäder. Wer diese­n Spielregeln nachlebt, erhöht seinen Marktwert und wird mit Anerkennung belohnt. Doch der gestählte Körper, cool und sexy, muss, wie jede gute Maschi­ne, regelmässig gewartet werden. Diesen unentbehrlichen Check-up gibt es in verschiedenen Preisklassen. Medbase, Hirslanden und viele andere buhlen um ihre Klienten. Jeder Zehntausendste bekommt einen Blumenstrauss. Dr. Google reguliert den Nachschub an Halbwissenden und Technikgläubigen, die mit ihrer Subitomentalität den Gesundheitsmarkt und das Einkommen der Handlanger weiter ankurbeln.

Drastisch formuliert das Hazel Brugger für den instrumentalisierten Körper in einer Kolumne des Tages-­Anzeigers : «Der Körper ist die Bitch des Gehirns, das Gehirn der kaltblütige Zuhälter, der dafür sorgt, dass alles funktioniert.» Wer so abgespalten lebt, kommt aus seinen Sorgen nicht heraus. Allergien und Phobien, vermeintliche oder reale, sind der Preis für einen Lebens­stil, der sich von einer gigantischen Angstmaschinerie manipulieren lässt. Unablässig dreht sich das Karussell der Diäten. Gestern kein Fett, keine Kohlenhydrate, heute keine Milch, nur noch vegan, kombiniert mit Instant-Yoga. Vielleicht sind wir für diese Sirenen­klänge empfänglich, weil wir uns in einer chaotischen Welt in das Schneckenhaus unserer Befindlichkeiten zurückziehen. Weil die Dauerberieselung mit Informationen unser Selbstvertrauen unterhöhlt. Oder weil in der digitalen Entgrenzung nur noch der eige­ne Körper real erscheint. Oder weil wir uns lieber etwas vorlügen, als die eigene Hinfälligkeit mit ihrem sicheren Ende zu ertragen.

Was ein Notfall ist, bestimmt der Patient. Selbsthilfe und geduldiges Auskurieren sind sowas von altmodisch. Wer über die Weihnachtstage eine Ambulanz aufsuchte, musste oft Stunden warten, weil die Station von Grippepatienten überrannt wurde. Vom Angst­bürger zehrt das Versicherungsgewerbe, je mehr Wohlstand, desto mehr Policen. Für den, der in der Wohlfahrtspyramide weit oben angesiedelt ist, geht es überall nur noch abwärts. Auf allen Seiten droht der Absturz. Es braucht flächendeckende Beratung, pharmazeutische Auffangnetze und technischen Support. Die MRI-Befunde erteilen die Absolution für einen Mome­nt des Glücks, bis zur nächsten Sprechstunde. Wir orientieren uns an den Blutbefunden wie an den Schneestangen am Strassenrand.

Krank oder gesund eignen sich nicht mehr als Unterscheidungskriterien. Das hilft allen, die im Dschungel der verunsicherten Bürger ihre Beute aufspüren. Medizi­nern, Astrologen, Heilpraktikern, Konzernmanagern, Produzenten von Nestlé, Google und IBM und Rattenfängern aller Art. Kontrollsucht ist der Zwilling der Angst. Der Staat setzt auf Videokontrollen und Trojaner, die Gesundheitsindustrie setzt auf ihre Maschinen, auf Vorsorgezentren und das Geld überforderter Zeitgenossen.