Weitere Organisationen und Institutionen

Neuverteilung der Rollen im Gesundheitswesen
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Machen Apothekerin und Pfleger den Arzt überflüssig?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2016.05179
Veröffentlichung: 30.11.2016
Schweiz Ärzteztg. 2016;97(48):0

Jacques de Haller

Dr. med., Präsident forumsante.ch

Die Situation ist ernst und die Tatsachen schmerzhaft: Die Neupositionierung der Gesundheitsberufe ist aufgrund einer akuten Krise unausweichlich. Das bedeutet turbulente Zeiten! Auf einen Schlag weiss plötzlich niemand mehr, wer er oder sie eigentlich ist, welche Rolle man einnimmt. Ein schwieriger Anpassungsprozess steht bevor.

Die Frage nach Berufsidentitäten im Gesundheitswesen ist allgegenwärtig – je nach Blickwinkel dezent wie ein Sandkorn oder offensichtlich wie ein schwerer Stein. Am auffälligsten erscheint der Konflikt in den Beziehungen zwischen den verschiedenen Berufen – aber auch, mehr und mehr, innerhalb desselben Berufstandes, namentlich bei der Ärzteschaft. Es ist eine schmerzhafte Wahrheit: Hinter Kompetenzen, Anerkennung und Rekrutierung, aber auch hinter Fragen der Finanzierung und Preissetzung steckt immer wieder die quälende Frage nach der Berufsidentität eines jeden Individuums.

Folge davon ist ein sinkendes Selbstvertrauen, das wiederum Sensibilitäten steigert und zu absurden Paradoxen führt. Ein Beispiel: Trotz des Personalmangels in praktisch allen Bereichen des Gesundheitswesens möchte jede Berufsgruppe die eigenen Kompetenzen erweitern – natürlich auf Kosten der Anderen. Die verursachten Spannungen sind bestens bekannt; schon fast karikaturistisch zeigt sich die Anspannung bei Verkauf und Abgabe von Medikamenten, Impfungen oder der Grundpflege, ob angeordnet oder nicht. Weitere Beispiele gäbe es zuhauf und alle zeigen: Jede und jeder möchte immer mehr leisten können mit immer weniger Kapazitäten.

Dazu kommen die historisch gewachsenen Berufskompetenzen – wenn man so will ein Teil unserer «sozialen Errungenschaften» – die als identitäts­definierendes Nonplusultra angesehen werden und so sämtliche Entwicklungsmöglichkeiten im Keim ersticken. Die Hierarchie(!) in den Gesundheitsberufen definiert exklusive Kompetenzen und Rechte. Natürlich auch verbunden mit Verantwortlichkeiten, aber ist diese Hierarchisierung wirklich sinnvoll, logisch, positiv? Muss der Rechtsrahmen, auf den sie sich abstützt, in Stein gemeisselt sein? Sind die Verantwortungen richtig aufgeteilt? Ist es sinnvoll, die Berufs­identitäten im Gesundheitswesen an starre Strukturen zu binden oder wäre es nicht besser, diese in der Aufgabe eines jeden einzelnen zu suchen?

Das heutige System bedeutet Spannungen und Blockaden – das darf nicht sein!

Das Gesundheitssystem nimmt in unserer Gesellschaft eine enorm wichtige Rolle ein. Die direkten Leistungen, die das System erbringt, sind offensichtlich – aber seine Bedeutung zeigt sich auch in den Visionen und Erwartungen der Bevölkerung an das, was das ­Gesundheitspersonal der Gesellschaft bieten soll. Eine nachhaltige Lösung ist gefragt! Die Spannungen müssen abgebaut, das System entwickelt werden. Und zwar mit all seinen verschiedenen Akteuren, seinen verschiedenen Berufen – in einer Art und Weise, um die eigene Zukunft nachhaltig zu sichern.

Zweifelslos bringt das Gesundheitssystem, wie es sich in der westlichen Welt entwickelt hat, einen unschätzbaren Mehrwert an Lebensqualität. Es ermöglicht den Bürgern ein langes und kreatives Leben und leistet einen bedeutenden Beitrag zur Stabilität unseres Landes. Doch darf dies nicht als auf ewig gegeben betrachtet werden: Ein Gesundheitssystem, das sich nicht entwickelt, mit Akteuren, die sich nicht anpassen, verliert nach und nach an Relevanz. Es ist deshalb nun an der Zeit, die Probleme auf den Tisch zu legen und eine Diskussion zu eröffnen, die nicht nur altbekannte Meinungen (und damit Blockaden) aufwärmt, sondern es ermöglicht, sich ein konstruktives System, eine offene Zukunft vorzustellen.

Lassen Sie uns diese Diskussion eröffnen. Ein Forum mit Blick in eine Zukunft, ganz ohne Vorurteile!

Bildnachweis

© Monkey Business Images | Dreamstime.com

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Bild: zVg / Matthias Käser

18. forumsante.ch

Am Dienstag, 17. Januar findet im Hotel Bellevue in Bern das ­forumsante.ch bereits zum 18. Mal statt. Die Tagung lädt zu einer vielschichtigen Diskussion über ein aktuelles Thema: «Neue Rollenverteilung im Gesundheitsbereich – welcher Platz bleibt den Ärzten?»
Renommierte nationale und internationale Referenten setzen sich aus juristischer, wirtschaftlicher, politischer und ethischer Perspektive mit der Leitfrage auseinander. Diskutiert werden soll aber nicht nur die Gegenwart: forumsante.ch schaut immer einen Schritt voraus und bildet eine Plattform, um über konstruktive Ideen und pointierte Aussagen nachzudenken und gemeinsam über die Zukunft zu diskutieren.

Webseite mit vollständigem Kongressprogramm und Anmeldung: www.forumsante.ch

Korrespondenzadresse

Dr. med. Jacques de Haller,
Präsident forumsante.ch
12, chemin de Seppey
CH-1085 Vulliens
mail[at]jdehaller.ch

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