Horizonte

Dr. Glaus und das Paradies

Daniel Schlossberg

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05921
Veröffentlichung: 13.09.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(37):1199

Sein erster Patient ist heute ausnahmsweise bestens gelaunt. Er klagt über Schmerzen im Rücken, doch er jammert nicht. Dr. Glaus verschreibt ihm schmerzstillende Tropfen und Gym­nastik. Alle nachfolgenden ­Patienten, teilweise mit schlimmen Diagnosen, sind den ganzen Vormittag lieb mit Dr. Glaus, scherzen, lachen und nehmen sich nicht so wichtig wie sonst. Am Nachmittag ist Dr. Glaus einmal mehr in der Tarifkommission engagiert. Und er staunt weiter: Friede, Freude, ­Eierkuchen scheint das Motto. Die bestverdienenden Spezialärzte geben lachend von ihrem Einkommen ­etwas ab, und das darbende Fussvolk unter den Ärzten nimmt das unverhoffte Geschenk dankbar entgegen. Die Ärzteschaft erklärt sich nicht nur bereit, die in Stein gemeisselte Kostenneutralität zu akzeptieren, sondern man befürwortet sogar ein Kostendach, welches das Gesundheitswesen in Relation zum BIP nicht überschreiten dürfe.

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Welch ein Wandel hat stattgefunden! Dr. Glaus führt die Kehrtwende auf das soziale Verantwortungsgefühl der Ärzte zurück und beginnt wieder an Hippokrates zu glauben. In einem Communiqué loben der Dach­verband der Krankenversicherer, die Politiker von Bümpliz bis Bern und der Bundesrat unisono die ­kooperationswillige Ärzteschaft, die bescheidener geworden sei.

Dr. Glaus selber ist immer schon der Meinung ge­wesen, dass es eine Schmerzgrenze nicht nur für jedes einzelne Individuum, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes gebe. Auf der anderen Seite ist er ­davon überzeugt, dass der Arztberuf mit viel Verantwortung verbunden und eine angemessene Honorierung der ärztlichen Leistungen unabdingbar sei.

Verdutzt rieb sich Dr. Glaus die Augen: An der Tarifkommissionssitzung vernahm er unter dem Traktandum «Diverses», dass alle Spitalverwaltungen ihre ­Stellenetats um 80% zu kürzen beabsichtigten. Sie bezweckten mit dieser Massnahme, die beschränkten Ressourcen wieder an das Kerngeschäft eines jeden Spitals zurückzugeben, welches in medizinischer Behandlung und Pflege bestünde. Die oberste Pflegefachfrau des Landes hat erklärt, dass die Dokumentationsromane, die keiner je liest, und die Leistungserfassung durch das Pflegepersonal abgeschafft und durch eine intelligente Applikation ersetzt würden und man sich wieder der Pflege der Pflegebedürftigen zuwenden würde. Ins Bundesamt für Gesundheit, das auf die Hälfte der Stellen gesundgeschrumpft würde, kehrten die Ärzte zurück. Und der Dachverband der Kran­kenversicherer kündigte tiefgreifende Umstrukturie­rungen an, mit dem Ziel, die Verwaltungskosten und Ausgaben für Werbung auf maximal 2% der Prämieneinnahmen zu senken. Den freigesetzten Arbeitskräften würde angeboten, sich umschulen zu lassen mit besonderem Fokus auf Pflegeberufen, um den Notstand, der da herrsche, zu beheben.

Es regnete, was die Wolken hergaben. Dr. Glaus schreckte auf, rieb sich die Augen und sah sich in eine trübe Realität zurückgeworfen. So süss geträumt hatte er wohl schon lange nicht mehr!

Ein zermürbender Vormittag stand ihm bevor, er hatte drei schwierige Angehörigengespräche zu führen, und alles unter gehöriger Zeitnot, denn am Nachmittag würde er wieder in der Tarifkommission erwartet, wo weiterhin mit harten Bandagen um jedes Tarifpünktchen gefeilscht würde. Er fragte sich, warum er sich das überhaupt noch antue. Eine Einigung war nicht in Sicht, und er selber stand im Spätherbst seiner Berufstätigkeit, er hatte keine Nachfahren, die in seine Fussstapfen treten würden.

Und als er das so vor sich hin fabulierte, reifte ein Entschluss. Er würde die heutige Tarifkommissionssitzung schwänzen. Er, der seit der Erlangung der Matura immer brav alle Obliegenheiten erfüllt hatte. Und morgen würde er seinem langjährigen Freund und Stellvertreter, der jeweils zu seinen Schäfchen schaute, wenn er die Praxis geschlossen hatte, anrufen und ihn fragen, ob er ihn vertreten könnte für unbestimmte Zeit. Ein unbändiger Wille kam auf, sich auf die Suche nach dem Paradies zu machen.

Daniel Schlossberg

Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Mitglied FMH

Foto: Martin K. Obrist

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