Briefe / Mitteilungen

Der «Schweizer Eid»: Medizinischer Ethos vs. Ökonomisierung

Marc Fouradoulas

DOI : https://doi.org/10.4414/saez.2017.06278
Veröffentlichung : 06.12.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(49):1645

Der «Schweizer Eid»: Medizinischer Ethos vs. Ökonomisierung

Brief zu: Egger B, Baumann-Hölzle R, Giger M, Käch C, Kovatsch A, Meier-Allmendinger D, Pòk Lundqvist J, Schai P, Wils JP. Der «Schweizer Eid». Schweiz Ärztezeitung. 2017;98(40):1295–7.

In einem eigentümlichen Artikel versuchen 
9 Personen einen Widerspruch zwischen ökonomischen Prozessen und dem ärztlichen ­Berufsethos mittels «Diagnose» aufzuzeigen. In der für Ethiker, Soziologen und (leider) ­Mediziner üblichen sozialistischen Polemik reduzieren sie den Markt auf ein Instrument der Gier und verurteilen das Streben nach Gewinn. Geschickt spalten und polarisieren sie zwischen menschlich «warmer» ärztlicher und therapeutischer Tätigkeit und «kalter» Ökonomie. Sie berufen sich auf «wirtschaftssoziologische Forschung», um eine sogenannte «Ökonomisierung» zu entlarven, die eine Hierar­chie zwischen ärztlichem Handeln und ökonomischer Direktive erzeugen soll. Ein ­Berufseid soll das Problem dann lösen.

Man kann dabei nur vermuten, was die Autoren für ein ökonomisches Verständnis haben. Schliesslich lautet die Alternative zur Ökonomisierung ja Beibehaltung des Status quo mit all seinen Ineffizienzen und Missbräuchen, die durch das Versicherungskollektiv finanziert werden müssen.

In der Realität bewegen wir uns ständig in wirtschaftlichen Prozessen und Verflechtungen. Alles um uns herum ist Wirtschaft. Auch die ärztliche Tätigkeit hat immer schon etwas gekostet. Und auch der Arzt braucht einen Gewinn, denn er muss vorsorgen, Rückstel­lungen machen, sich weiterbilden, in seine In­frastukur investieren etc. Dasselbe gilt für Spitäler.

Die Frage ist einzig, ob wir bei der Finanzierung Märkten vertrauen oder lieber den Systemadministratoren einer Bundesbehörde, also individueller Freiwilligkeit oder Zwang von oben. Bei der Finanzierung der SAMW sind es, glaube ich, Steuergelder, also Zwang. Ich hoffe die geschichtliche Erfahrung mit diesen Systemen ist Ihnen bekannt.

Die professionelle Autonomie und Ihr Eid sind nur lebbar, wenn sich dabei kein Dritter einmischt. Da haben Sie recht. Solange wir aber eine Drittfinanzierung haben, hat dieser zahlende Dritte das Anrecht, sich einzumischen. Schliesslich verfüge ich über das Geld anderer Leute. In anderen Worten, nur wenn ich selbst über die Finanzierung meiner ärztlichen Leistungen bestimmen kann, habe ich auch eine professionelle Autonomie und kann meinem Eid gerecht werden. Wenn ich mich auf Basis eines Eides den Forderungen des zahlenden Dritten verweigere, dann brauche ich eine ­finanzielle Alternative, es sei denn ich bin ­Samariter.

Die Natur der Kostenproblematik ist in der Tat sehr vielschichtig. Es ist zu einer unschönen Allianz zwischen ärztlichem Prestige, Verstaatlichung und Dienstleistungsdenken gekommen. Die Ökonomisierung auf Basis von staatlich festgelegten Tarifen führt ohne Zweifel zu fragwürdigen Resultaten. Aber ­unser demokratisch entstandenes System ­erlaubt leider keine Alternativen.

Als Lektüre zu diesem Thema empfehle ich ­Ihnen die Publikation «Heilung für das Gesundheitswesen» des Liberalen Instituts. Dort finden Sie die nötigen Basics über Ökonomie und Medizin und sogar ein Kapitel über den hippokratischen Eid. Ich wünsche Ihnen dabei viel Offenheit und Neugier im Umgang mit dieser Thematik.

Dr. med. Marc Fouradoulas, Zürich

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