Briefe / Mitteilungen

Der Mensch ist das Mass aller Dinge

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06536
Veröffentlichung: 07.03.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(10):306

Dr. René Bloch, Psychiater, Therwil

Der Mensch ist das Mass aller Dinge

Die Psychiatrische Klinik Münsterlingen, bzw. deren ehemaliger Direktor Prof. R. Kuhn, steht, ähnlich wie mehrere andere psychiatrische Kliniken, seit einiger Zeit im Kreuzfeuer der Kritik wegen unerlaubter Medikamentenversuche. Der Regierungsrat des Kantons Thurgau hat eine grosse Studie in Auftrag gegeben, um abzuklären, unter welchen Bedingungen die Medikamentenversuche in Münsterlingen von Anfang der 50er Jahre an stattgefunden hätten. Die Verdienste von Kuhn für die Entdeckung des ersten Antidepressivums erfahren eine Schmälerung durch sein angeblich ungenügend behutsames Vorgehen zum Schutze der Patientenrechte. In einem grösseren Zusammenhang mit diesen Untersuchungen stellt sich eine Frage, die ebenfalls genauer Reflexion bedürfte.

Wie ist es möglich, dass zwischen 1969 und 1974 (Aufenthaltszeit des Autors in der Psych­iatrischen Klinik als Assistenzarzt) die Klinik mit circa 700 stationären Patienten einzig vom Direktor, zwei Oberärzten und vier ­Assistenzärzten versorgt werden konnte? ­Diesen Zahlen stehen heute in der Psych­iatrischen Klinik Münsterlingen für angeb­lich 260 stationäre Patienten ein Chefarzt, 18 Oberärzte und 20 Assistenzärzte gegenüber. Natürlich hat sich die Aufenthaltsdauer der Patienten stark verkürzt, kaum hingegen das psychopathologische Profil derselben. Die zur Verfügung stehenden therapeutischen Methoden sind unter den heutigen Bedingungen sicher vielfältiger und gestatten eine bessere Behandlungseffizienz.

Bei Betrachtung der gegebenen Zahlen stellt sich doch ein gewisses Unbehagen ein mit der Frage, wo das richtige Mass eines therapeutischen Aufwandes zu liegen habe. Wo früher ein eindeutiges Ungenügen des therapeutischen Angebotes bestanden hat, findet man heute vielleicht ein Übermass jenseits eines sinnvollen therapeutischen Einsatzes. Leider findet man in Zeiten konstruktiver Reformen nicht sofort das optimale Mittelmass.

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