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Das Berner Curriculum für Allgemeine Innere Medizin

Sven Streit, Martin Perrig, N. Rodondi, Drahomir Aujesky

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06704
Veröffentlichung: 23.05.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(21):649-651

Das Schweizerische Gesundheitssystem braucht Fachärztinnen für Allgemeine Innere Medizin (AIM) als ­Generalisten zur qualitativ hochstehenden Grundversorgung unter effizientem Einsatz der Ressourcen. Zu den zentralen Aufgaben der Generalisten gehört eine patienten zentrierte Behandlung und Vermeidung von Über-, Unter- und Fehlversorgung [1]. Das Fachgebiet AIM ist auch bei den Weiterzubildenden beliebt und stellt mit 23% den am meisten gewählten Facharzttitel [2] dar.

Zusammenfassung

Das Schweizer Gesundheitssystem braucht genügend gut ausgebildete ­Generalisten*, besonders im Rahmen des Hausärzte- und Spitalinternistenmangels. Die Weiterbildung zum Facharzttitel für Allgemeine Innere Medizin (AIM) bietet maximale Flexibilität, stehen doch den Weiterzubildenden in der 3-jährigen Basisweiterbildung 300 Weiterbildungsstätten im stationären und fast 1200 im ambulanten Bereich offen. Diese Flexibilität und Individualisierbarkeit hat Vorteile, stellt aber gleichzeitig die Achillesferse dieses Weiter­bildungsprogramms dar.

Da die Weiterbildung oft an mehreren voneinander unabhängigen Weiterbildungsstätten erfolgt, verläuft sie oft unkoordiniert und fragmentiert, mit einer durchschnittlichen Weiterbildungsdauer von 8–9 Jahren. In Anbetracht der Fülle der Weiterbildungsmöglichkeiten und Tracks (Spitalinternistin, Haus­ärztin, Akademie) sind ein longitudinales Mentoring und eine individuelle ­Karriereberatung primordial. Dieser Beitrag beschreibt den Aufbau eines neuartigen, koordinierten Weiterbildungscurriculums für AIM, das auf der ­Zusammenarbeit zwischen dem Universitätsspital und den Landspitälern der Insel Gruppe AG sowie dem Berner Institut für Hausarztmedizin beruht. Mit 136 Rotationsplätzen in 25 Fachgebieten stellt das Berner Curriculum für AIM das schweizweit grösste strukturierte Weiterbildungscurriculum für Assistenz­ärztinnen auf dem Weg zur Fachärztin für AIM dar.

Das Weiterbildungsprogramm zur Fachärztin AIM umfasst eine 3-jährige Basisweiterbildung in stationärer und ambulanter Allgemeiner Innerer Medizin und eine 2-jährige Aufbauweiterbildung mit je einem Track zur Hausärztin oder Spitalinternistin [1]. Die Durchlässigkeit zwischen den Tracks ermöglicht eine grosse Flexibilität und individuelle Gestaltung der Weiterbildung, wobei in der Basisweiterbildung zwischen 300 stationären Weiterbildungsstätten AIM und 1200 Praxisrotationen gewählt werden kann. In der Aufbauweiterbildung stehen zusätzlich Weiterbildungsmöglichkeiten in über 30 internistischen und nicht-internistischen Fachgebieten zur Auswahl. Da die Weiterbildung systembedingt an mehreren voneinander unabhängigen Weiterbildungsstätten erfolgt, verläuft sie oft unkoordiniert und fragmentiert. In Anbetracht der Fülle der Weiterbildungsmöglichkeiten und Tracks (Spitalinternistin, Hausärztin, Akademie) ist ein konsequentes, longitudinales Mentoring mit Karriereberatung primordial, findet aber infolge der fragmentierten Weiterbildung oft in ungenügendem Ausmass statt. Dies mag auch erklären, dass die durchschnittliche Weiterbildungsdauer von Staatsexamen bis Facharzttitel AIM 8–9 Jahre beträgt [3].

Umfragen bestätigen, dass jungen Ärztinnen die longitudinale Organisation ihrer Weiterbildung, begleitet von einem aktiven Mentoring, wichtig ist [4–7]. Dank solchen Langzeit-Curricula mit individueller Beratung kann die Planung der späteren Berufstätigkeit effizient gestaltet und auf persönliche Wünsche, wie Teilzeit­arbeit, eingegangen werden [8]. Da sich das Berufsziel «Generalistin» für viele in der frühen Weiterbildungsphase festigt, ist ein gut strukturiertes, begleitetes Curriculum in den ersten Weiterbildungsjahren von besonderer Bedeutung [6].

Aus diesen Gründen empfiehlt die Arbeitsgruppe Nachwuchs der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) explizit den Aufbau von systematischen, koordinierten Weiterbildungscur­ricula mit einem aktiven Mentoring zur Nachwuchsförderung [9]. Die Weiterbildungsstätten werden aufgefordert, systematisch organisierte, individualisierbare, und an den jeweiligen Weiterbildungsstand angepasste Curricula mit regelmässigem Knowledge- und Skills-Training anzubieten. Um die Koordination mit vorgängigen oder nachfolgenden Weiterbildungsstätten zu verbessern, sollen Weiterbildungsstätten auf­einander abgestimmte Weiterbildungsnetzwerke bilden. Die Curricula sollen zudem von Beginn weg systema­tisches Mentoring und Karriereberatung beinhalten und zumindest in Zentrumsspitälern spezifische Karrieretracks (Hausärztin, Spitalinternistin) anbieten.

In Bern entsteht jetzt in Kollaboration zwischen der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin und den Landspitälern der Insel Gruppe AG sowie dem Berner Institut für Hausarztmedizin ein systematisches, koordiniertes Weiterbildungscurriculum für AIM. Das neue Berner Curriculum für Allgemeine Innere Medizin umfasst eine vollständige, strukturierte und dem jeweiligen Weiterbildungsstand angepasste 5-jährige Weiterbildung zur Fachärztin für AIM. Das zweistufige Curriculum ist dem persönlichen Weiterbildungsziel und -stand entsprechend flexibel modulierbar (siehe Abbildung).

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Zweistufiger Aufbau des Berner Curriculums für Allgemeine Innere Medizin.

Die Weiterzubildenden beginnen die dreijährige Basisweiterbildung AIM in einem der drei Landspitälern der Insel-Gruppe (Aarberg, Münsingen, Riggisberg), wo sie sich internistisches Basiswissen aneignen und die Kleinchirurgie (z.B. Wundversorgung) erlernen können. Nach etwa einem Weiterbildungsjahr erfolgt der interne Wechsel an die Universitätsklinik und die Poliklinik für Allgemeine Innere Medizin des Inselspitals, wo die Abklärung und Behandlung von Patienten aus dem ganzen Spektrum der Allgemeinen Inneren Medizin im Zentrum stehen, einschliesslich hochkom­plexer und seltener Fälle. Den Weiterzubildenden werden auch die Prinzipien von Evidence-based und Smar­ter Medicine direkt am Patientenbett und mehrmals wöchentlich in Teaching Sessions vermittelt. Eine systematische theoretische Wissensvermittlung und praktisches Skills-Training in Gruppenkursen an modernstem Phantommaterial ergänzen die Weiterbildungserfahrung. Vervollständigt wird die Basisweiterbildung durch Einsätze im ambulanten Bereich auf dem Universitären Notfallzentrum am Inselspital bzw. der Medizinischen Poliklinik. Zudem besteht bereits in den Landspitälern die Möglichkeit zum Erlernen des internistischen Ultraschalls.

Die 2-jährige Aufbauweiterbildung fokussiert dann, je nach Wunsch, auf die spätere Ausrichtung als Hausärztin, Spitalinternistin oder auf eine akademische Kar­riere. Insgesamt stehen 136 Rotationsplätze in 25 verschiedenen Fachgebieten zur Verfügung (siehe Tabelle auf der nächsten Seite). Der Spitalinternisten-Track ­basiert vor allem auf spitalrelevanten Fächern wie ­Notfall- und Intensivmedizin und führt in der Regel zu ­einer Oberarzttätigkeit. Der Hausarzt-Track fokussiert auf ambulant wichtige Disziplinen wie Rheumatologie, Dermatologie usw. Für angehende Hausärztinnen stellt die Praxisassistenz eine zusätzliche Möglichkeit dar, direkt Erfahrung in der ambulanten Grundversorgung zu sammeln. Die Praxisassistenz erhöht auch die Chance, später tatsächlich als Hausärztin tätig zu sein [10]. Die beiden Tracks sind flexibel, modular und durchlässig gestaltet und ermöglichen eine weitest­gehend individuell angepasste Weiterbildung.

Welche Fächer bietet das Berner ­Curriculum AIM?
Allgemeine Innere Medizin (Poliklinik)
Allgemeine Innere Medizin (stationär)
Angiologie
Chirurgie
Dermatologie
Endokrinologie
Gastroenterologie/Hepatologie (stationär)
Hämatologie
Hepatologie (ambulant)
Herzgefässchirurgie
HNO
Infektiologie
Intensivmedizin
Kardiologie inkl. Rehabilitation
Klinische Forschung
Klinische Pharmakologie
Nephrologie (ambulant)
Nephrologie (stationär)
Neurologie inkl. Notfall
Notfallmedizin
Onkologie (ambulant)
Onkologie (stationär)
Orthopädie
Pädiatrie (Notfall)
Palliativmedizin
Pneumologie
Praxisassistenz
Psychiatrie
Radiologie (Ultraschall)
Rheumatologie (ambulant)
Rheumatologie (stationär)
Viszeralchirurgie

Ein persönliches und aktives Mentoring durch im Spital oder in der Hausarztpraxis tätige Generalisten begleitet die Teilnehmer durch das ganze Curriculum. Ob als Hausärztin, Spitalinternistin oder in einer aka­demischen Karriere – entsprechend dem Karriereziel steht eine ärztliche Mentorin zur langfristigen Kar­riereplanung zur Verfügung. Mittels regelmässigen Gesprächen wird periodisch eine Standortbestimmung durchgeführt und die weitere Rotationsplanung gemäss Wünschen und Möglichkeiten definiert. Ein besonderes Augenmerk gehört dabei auch der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Mentorinnen kennen die Bedingungen zum Erhalt des Facharzttitels AIM und bereiten die Assistenzärztinnen optimal darauf vor. Die komplexe Rotationsplanung wird durch ein ärztlich geführtes professionelles Team gemanagt.

Da wie in diversen anderen Fachgebieten auch in der AIM ein akademischer Nachwuchsmangel existiert, bietet das Berner Curriculum für AIM ein Maximum an Forschungsmöglichkeiten im Bereich der stationären und der ambulanten AIM, wobei der Fokus klar auf der patientenzentrierten klinischen Forschung liegt. Die Forschungstätigkeit wird begleitet von einem akademischen Mentoring und Training (z.B. Verfassen von wissenschaftlichen Artikeln, erfolgreiches Verfassen von Forschungsprotokollen). Bei entsprechendem Wunsch und entsprechender Eignung folgt ein Forschungsaufenthalt an einer nordamerikanischen Spitzenuniversität, welcher auch den Besuch eines Masterprogramms in Clin­i­cal Research beinhaltet. Alternativ kann an der Universität Bern oder im Ausland der Titel eines Master of Medical Education erworben werden.

Das Berner Curriculum steht allen Assistenzärztinnen mit dem Weiterbildungsziel AIM offen, unabhängig vom Weiterbildungsstand. Sowohl Staatsexamens­abgängerinnen wie auch Assistenzärztinnen mit beruf­licher Vorerfahrung können eingeschlossen werden. Die Flexibilität, die koordinierte Struktur, das Mentoring und der prioritäre Zugang zu beliebten Rotationsstellen sind für Assistenzärztinnen die wichtigen Gründe, sich für eine Stelle im Berner Curriculum für AIM zu bewerben. Weitere Information stehen auf www.bernercurriculum-aim.ch zur Verfügung.

* Zur sprachlichen Vereinfachung und damit zur Verbesserung der Lesbarkeit wurde nur eine Geschlechtsform verwendet. Selbst­verständlich sind in jedem Fall beide Geschlechter gemeint.

 1 Weiterbildungsprogramm Allgemeine Innere Medizin.
https://www.fmh.ch/bildung-siwf/fachgebiete/facharzttitel-und-schwerpunkte/allgemeine-innere-medizin.html

 2 Hofstettler S, Kraft E. FMH-Ärztestatistik 2017 – aktuelle Zahlen. Schweizerische Ärztezeitung, 2018;99(13–14):408–13.

 3 Angaben gemäss SWIF für die Jahre 2003-2014 unter Ausschluss von Ärztinnen mit ausländischem Arztdiplom und oder Weiterbildungszeit > 15 Jahren.

 4 Lee J, et al. Preparing residents for family practice: the role of an integrated «Triple C» curriculum. Can Med Educ J. 2013 Mar 31;4(1).

 5 Lubitz R, et al. Residents’ perceptions of an integrated longitudinal curriculum: a qualitative study. Can Med Educ J. 2015 Dec 11;6(2).

 6 Tandjung R, et al. Career after successful medical board examination in general practice – a cross-sectional survey. Swiss Med Wkly, 2013. 143: p. w13839.

 7 Flum E, et al. Training Standards Statements of Family Medicine Postgraduate Training – A Review of Existing Documents Worldwide. PLoS One, 2016. 11(7).

 8 Buddeberg-Fischer B, Stamm M, and Schweiz Staatssekretariat für Bildung und Forschung, Mentoring in der Medizin: Formen, Konzepte und Erfahrungen: Bericht über Mentoring-Programme am Universitätsspital und an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich 2002–2011. Schriftenreihe SBF, 2012, Bern: Staatssekretariat für Bildung und Forschung SBF. 85, 248–257, 14 S.

 9 Gaspoz JM, et al. Allgemeine Innere Medizin: Nachwuchs ins Zentrum gerückt. Schweiz Ärztezeitung, 2018;99(10):300–2.

10 Studerus L, Ahrens R, Haeuptle C, Goeldlin A, Streit S. Optional part-time and longer GP training modules in GP practices associated with more trainees becoming GPs – a cohort study in Switzerland. BMC Fam Pract (2018) 19:5 doi 10.1186/s12875-017-0706-1.

Sven Streit1, Martin Perrig2, Nicolas Rodondi1, 2, Drahomir Aujesky2

1 Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM), Universität Bern

2 Universitätsklink für Allgemeine Innere Medizin (KAIM), Inselspital Bern

zVg von den Autoren

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PD Dr. med. Sven Streit, MSc
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