Briefe / Mitteilungen

Der Mensch – Organismus ohne Seele und Geist

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06805
Veröffentlichung: 06.06.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(23):752-753


Annegret Schläppi, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, St. Gallen

Der Mensch – Organismus ohne Seele und Geist?

Brief zu: van Spijk P. Die Medizin: Auf der Suche nach einem neuen Menschenbild. Schweiz Ärztezeitung. 2018;99(19–20):633–4.

Die Intention von Dr. Piet van Spijk, ein neues Menschenbild zu erarbeiten, ist sehr zu be­grüssen, und ich teile seine Ansicht, dass 
dies notwendig ist, weil viele Phänomene der menschlichen Existenz mit dem gängigen Menschenbild nicht erklärt werden können.

Allerdings ist es wichtig, zunächst den eigenen weltanschaulichen Boden, auf dem jeder steht, wahrzunehmen und zu prüfen.

Wenn Dr. Spijk «einige Elemente, welche es bei der Ausarbeitung eines neuen Menschenbildes zu beachten gilt» nennt, dann bewegt er sich dabei bereits in den gesteckten Grenzen seines eigenen Welt- und Menschenverständnisses.

«Menschen haben keine Seele» wird in den Raum gestellt, aber nicht erklärt und definiert, was unter dem Begriff «Seele» verstanden wird und aufgrund welchen Verständnisses von Seele es diese angeblich nicht geben und diese nicht empirisch nachgewiesen werden kann.

Es ist unverzichtbar, die verwendeten Begriffe zu definieren – Dr. Spijk versteht sicher etwas ganz anderes unter dem Begriff «Seele» als möglicherweise der Nahtodforscher Dr. Pim van Lommel [1, 2].

Bei Dr. Spijk scheint der Begriff «Seele» eine Abwehr zu erzeugen, da er diesen Begriff so kategorisch ablehnt. Warum? Welcher weltanschauliche Boden bewirkt diese Abwehr ­eines an sich seit Jahrhunderten bekannten Wortes?

Wenn wir ein neues Menschenbild zeichnen wollen, gilt es meiner Meinung nach, sich über das eigene Weltbild und die dazu ge­hörenden Dogmen und Tabus Rechenschaft abzulegen.

Bereits Ignaz Troxler (1780 bis 1866) [3], der Schweizer Arzt, Pädagoge, Philosoph und Politiker, konnte mit dem «homme machine» wenig anfangen und hatte nach einem neuen Menschenbild verlangt. Ihm war klar, dass dieses aus dem Weltbild herausgeboren wird. Dieser Mann galt als unbequemer Denker.
Ohne unbequeme Gedanken zu unserer derzeit gängigen, kantianisch geprägten Weltanschauung werden wir kein neues Menschenbild finden, das den Menschen nicht doch weiterhin als Maschine sieht, auch wenn im Bericht ersichtlich wird, dass Dr. Spijk dies ­eigentlich nicht möchte.

1 van Lommel P. Near-death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands. The Lancet. 15. Dez. 2001;358.

2 van Lommel P. Endloses Bewusstsein. Neuausgabe der 6. Auflage 2009, Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, 2014.

3 Troxler IPV. Blicke in das Wesen des Menschen. Aarau 1812.

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