Horizonte

Eine umfassende Geschichte der basellandschaftlichen Psychiatrie

Zwangssterilisationen, Reformpsychiatrie und ein Esel namens Benjamin

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06891
Veröffentlichung: 11.07.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(2829):955-956

Eberhard Wolff

Prof. Dr. rer. soc., Redaktor Kultur, Geschichte, Gesellschaft

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Lukas Ott

Man geht hinein, um wieder heraus­zukommen

Geschichte der Psychiatrie
des Kantons Basel-Landschaft

Basel: Schwabe; 2017.

203 Seiten. 31 CHF.

ISBN 978-3-7965-3798-1

Der Fall erregte im Februar 1975 grosses Aufsehen. Der Schwede Bengt S. war in Liestal in dem Verdacht verhaf­tet worden, einen Tötungsversuch begangen zu ­haben. Da er suizidal erschien, war der Untersuchungsgefangene zur Abklärung in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Klinik Hasenbühl verlegt worden. Dort konnte er aber das Fenster aufbrechen und mit einem Fünf-Meter-Sprung in die Freiheit gelangen. Er schaffte es, sich in den kommenden Wochen in sein Heimatland abzusetzen.

Wie hatte das passieren können? Ein peinlicher Fehler auf Seiten der basellandschaftlichen Psychiatrie? Dabei war der hochmoderne Erweiterungsbau der Liestaler Klinik (Abb. 1) erst im Oktober zuvor eröffnet worden.

Der Fall spiegelt das Dilemma der damals auch und gera­de in Baselland im Aufbruch befindlichen Psych­iatrie. Sie wollte Offenheit zeigen, ihre Patientenschaft nicht mehr diskriminieren, sie heilen und wiedereingliedern. Eine Psychiatrie sollte kein Gefängnis sein. So war der Neubau konzipiert worden. Doch mit dem Ausbruch wurde der Sicherheitsanspruch von Staat und Bevölkerung plötzlich wieder laut.

Die Episode stammt aus der neuen, ebenso eindrucksvoll breiten wie lesbar kurzweiligen Gesamtdarstellung einer Psychiatriegeschichte des Halbkantons aus der Feder des Multiaktivisten Lukas Ott, der heute der Leiter der Stadtentwicklung des anderen Halbkantons ist. Er hat das Buch in den letzten Jahren im Auftrag der Psychiatrie Baselland verfasst. Und das war kein ein­faches Unterfangen. Die Psychiatrie hat es als medizinische Disziplin nicht einfach – gerade heute. Sie muss die schwierige Gratwanderung zwischen Autonomie und Zwang, Fürsorge und Ökonomie meistern und sieht dabei auf eine Geschichte zurück, die aus heu­tiger Sicht wenig rühmlich erscheint. Arzneimittel­versuche, Sterilisationen oder Fremdplatzierungen sind Stichwörter zu Problemthemen, die in der Schweiz erst seit den letzten Jahren intensiver aufgearbeitet werden.

Und so spiegelt sich eigentlich die gesamte Psychiatriegeschichte der letzten Jahrhunderte im basellandschaftlichen Beispiel. Sie beginnt mit der Verwahrung der Wahnsinnigen, der «geistig Zurückgebliebenen», Schwermütigen und Tobsüchtigen im Pfrundhaus. Es gibt die Versuche, die Kranken in ein System bürger­licher Ordnung zu bringen, mit Zwangsmassnahmen und nicht zuletzt mit der Therapie durch harte Arbeit.

Die Darstellung geht in die Zeit der Radikalkuren über mit ihren Schlaf-, Insulin- und Fieberbehandlungen, Dauerbädern und Elektroschocks, die es auch in Baselland gab. Spätestens seit der überzeugte Eugeniker Geor­g Stutz 1932 zum Chefarzt gewählt worden war, nahm der Geist der Zuchtwahl auch in der Liestaler Klinik einen festen Platz ein. Stutz hatte ­zuvor bei Ernst Rüdin in Basel gearbeitet. Rüdin wiederum verfasste 1933 in Deutschland den Kommentar zum «Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses». Auch Stutz befürwortete die Zwangssterilisation, etwa bei «Schwachsinnigen und Gewohnheitsverbrechern» (S. 110). Es war die Hochphase der Sterilisationen vor allem von Patientinnen, wobei deren freiwillige Einwilligung mehr als fraglich war. Ein ähnlich problematischer Umgang mit der Einwilligungsfrage findet sich auch in der späteren Zeit der Arzneimitteltests. Für die Versuche mit dem Test-Neuroleptikum «N 746» (später unter dem Namen «Sordinol» auf dem Markt) im Jahre 1962 etwa folgert Ott: «Ob die Patientinnen und Patienten wussten, dass es sich bei diesem Mittel um ein noch nicht zugelassenes Prüfpräparat handelte, muss offenbleiben» (S. 101).

Spätestens mit der Wahl von Theodor Cahn zum neuen Klinikleiter im Jahr 1978 wurde Liestal zu einem Zen­trum der Reformpsychiatrie. Unter der neuen Leitung etablierte sich auch hier eine «Psychiatrie des Ver­stehens», die in eine offenere Sozialpsychiatrie, in die Dezentralisierung, die Verlagerung in ambulante Dienste oder den Einbezug von Verwandten in die Therapie mündete. Dieser allgemeine Wandel zeigte sich nicht zuletzt darin, dass die Belegschaft zunehmend in «Zivilkleidung» arbeitete. Ein Sinnbild der Öffnung war genauso die Schaffung eines kleinen Tierparks 
auf ungenutztem Klinikgelände in den 1980er Jahren (Abb. 1), in dem sich Patienten, Personal, Besucher und Spaziergänger begegnen konnten. Gegen Widerstände schob der Verwalter Rolf Müller das Projekt an, indem er kurzerhand den Jungesel «Benjamin» anschaffte.

In der jüngsten Epoche der Klinikgeschichte drängten dann Geldfragen in den Vordergrund. Die Ökonomisierung spiegelt sich auch darin, dass die neu gegründete Psychiatrie Baselland den kleinen Zoo aus rechtlichen Gründen nicht mehr alleine betreiben durfte. Damit er überleben konnte, musste der Tierpark Weihermätteli 2012 in eine Stiftung ausgegliedert werden und selber auf die Suche nach Gönnern gehen.

Die Psychiatrie steckt somit in einem Netz auch äusserer Erwartungen und Zwänge, und das ist nicht erst seit dem entlaufenen Untersuchungshäftling so.

Der Autor Lukas Ott bemüht sich mit seinem Buch, in eine­m schwierigen Umfeld allen gerecht zu werden. Das Buch will eine Sozialgeschichte sein, welche die Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt rückt. Gleichzeitig ist es eine Baugeschichte, eine Geschichte der Pflegenden sowie der Ärzte, ihrer Macht, ihrer Ideen und Therapien, eine kritische Problemgeschichte und eine von etwas Stolz durchzogene Geschichte der Reformen hin zu einer beispielhaften Milieutherapie. Es will plastisch geschrieben sein und sich im derzeitigen Forschungsstand behaupten. Das ist ein gewaltiger Anspruch, und der Autor kommt ihm erstaunlich nahe. Allenfalls werden die Quellen bisweilen etwas unbedarft nacherzählt.

Dabei spiegelt das sorgsam lektorierte Buch wohl unwillentlich auch ein wenig die Biographie des Autors. Die sozialgeschichtlich gefärbten Anfänge des Buchs bauen auf seine frühe Arbeit als historischer Soziologe auf. In der Problemgeschichte findet sich ein Stück des grünen Politikers wieder. Die repräsentative Auftragsschrift lässt das über viele Jahre betriebene Kommunikations- und Politikberatungsbüro erahnen. Gegen Ende scheint aus dem Buch zunehmend die damalige «Nebentätigkeit» des Autors als Stadtpräsident von Liestal hervor. Dort wird die Geschichte der basellandschaftlichen Psychiatrie nämlich immer mehr als eine Geschichte von Verwaltungsprozessen erzählt.

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Ein Bild, das vieles vereint. Rechts oben ein Teil der 1934 eröffneten «Kantonalen Heil- und Pflegeanstalt Hasenbühl». Links oben der 1974 eröffnete Erweiterungsbau, der den Fünf-Meter-Sprung des entflohenen Untersuchungshäftlings nachempfinden lässt. Im Vordergrund der Lamahengst Manito, einer der ersten Bewohner des Psychiatrie-Tierparks Weihermätteli.

Credits

© Staatsarchiv Basel-Landschaft

Korrespondenzadresse

eberhard.wolff[at]saez.ch

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