Briefe / Mitteilungen

Horrorszenario, das jeder Grundlage entbehrt

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17847
Veröffentlichung: 08.05.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(19):646-647

Yvik Adler, Co-Präsidentin Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP)

Horrorszenario, das jeder Grundlage entbehrt

Brief zu: Schnyder K. Anordnungs- vs. Delegationsmodell in der nicht-ärztlichen Psychotherapie. Schweiz Ärzteztg. 2019;100(14):511.

Mit Verweis auf Deutschland entwirft Dr. Kaspar Schnyder in seinem Beitrag ein Horror­szenario für die Zukunft der psychiatrischen Versorgung in der Schweiz, das jeder Grundlage entbehrt. Zwar wurde das Delegationsmodell in Deutschland tatsächlich 1999 abgeschafft, mehr Parallelen gibt es aber nicht. Die beiden Systeme sind schlicht nicht vergleichbar und das Anordnungsmodell, das in der Schweiz zur Debatte steht und von uns Psychologinnen und Psychologen schon seit langem gefordert wird, hat mit der deutschen ­Lösung so gut wie gar nichts gemein. So sind zum Beispiel die Wartezeiten in Deutschland vor allem der Tatsache geschuldet, dass die sogenannten Praxissitze streng kontingentiert sind.

Mit dem Anordnungsmodell wird sich in der Schweiz am Behandlungskonzept grundsätzlich nichts ändern. Einzig die Stellung der psychologischen Psychotherapeuten wird verbessert und der Flaschenhals der Delegation, der heute für die Patientinnen und Patienten ein grosses Problem ist, beseitigt. Die Ein­führung dieses Modells führt ausserdem keineswegs dazu, dass «heterogen ausgebildete Psychologinnen … in die Grundversicherung drängen», sondern es geht einzig darum, dass Psychotherapien, die auf Anordnung eines Arztes von eidgenössisch anerkannten Psychotherapeutinnen durchgeführt werden, ­direkt über die Grundversicherung abgerechnet werden können, ohne den Umweg über ­einen delegierenden Psychiater, der im aktuellen Modell bequem mitverdienen kann. Dass dies einigen Psychiaterinnen und Psychiatern nicht behagt, ist wenig überraschend. Für alle anderen Beteiligten und insbesondere für die Patientinnen und Patienten hat das neue Modell nur Vorteile.

Vor allem auch mit Blick auf die Zukunft ist der Modellwechsel sogar eine Notwendigkeit, denn dass das Argument des Psychiatermangels kein Unsinn ist, wissen aufmerksame ­Leser dieser Zeitung schon seit über fünf Jahren. Hier wurde nämlich 2013 ein Artikel pu­bliziert, in dem vorgerechnet wurde, dass ­spätestens 2023 mindestens 1000 Psychiaterinnen und Psychiater fehlen werden [1]. Mit dem Anordnungsmodell können eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutinnen einen Teil dieser 1000 fehlenden Psychiater ersetzen.

1 Giacometti-Bickel G, Landolt K, Bernath C, Seifritz E, Haug A, Rössler W. In 10 Jahren werden 1000 Psych­iaterinnen und Psychiater fehlen. Schweiz Ärzteztg. 2013;94(8):302–4. https://saez.ch/de/article/doi/saez.2013.01228/

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