access_time veröffentlicht 30.05.2017

Ambulant vor stationär

Dr.med. H.-J. Riedtmann, eidg. Facharzttitel Chirurgie, Horgen

Carte blanche

Ambulant vor stationär

30.05.2017

Am Schluss sparen damit wohl nur die Kantone

Was für eine kluge Idee des Zürcher Gesundheitsdirektors Thomas Heiniger, die mit 153 zu 19 Stimmen vom Kantonsrat unterstützt worden ist: die Politik schreibt den Leistungserbringern vor, welche Eingriffe nur noch ambulant angeboten werden dürfen! Und erstaunlicherweise zetert niemand «Staatsmedizin», wenn mit dem Ausschluss der Verfahrenswahl ein liberales Grundprinzip derart eklatant verraten wird.

 

Kanton spart, Patienten zahlen

Natürlich spart eine ambulante Versorgung gegenüber der stationären Kosten - die Frage ist nur für wen. Im stationären Bereich beteiligt sich der Kanton mit 55 %, im ambulanten Bereich hingegen gar nicht. Im ambulanten Bereich tragen die PatientInnen einen Selbstbehalt von 10 % und die verbleibenden 90 % werden vom Sozialversicherer alleine getragen, der diese Kosten über die Prämien wieder auf seine Versicherten abwälzt.

Der Kanton spart mit einer solchen Massnahme also Geld, was der aktuellen Sparhysterie (Leistungsüberprüfung 16 !) entspricht. Für die von dieser Massnahme Betroffenen hingegen steigen die Kosten - direkt mit dem Selbstbehalt und indirekt mit den Prämien. Und dies, obwohl in der Schweiz die privaten Haushalte gemäss Bundesamt für Statistik 2014 bereits über 61 % der Gesundheitskosten zu berappen hatten!

Sinnhaftigkeit ist fraglich

Schliesslich bleibt noch die Frage, ob diese Vorschrift aus Patientensicht überhaupt Sinn macht. Kleineingriffe wie Karpaltunnelspaltungen oder Kataraktoperationen oder solche, die in Lokalanästhesie und endoskopisch angeboten werden können wie Krampfadernoperationen, werden bereits heute in aller Regel ambulant durchgeführt. Eine Leistenbruchoperation ist aber auch bei Anwendung der endoskopischen Technik ein Eingriff, der eine kurze Hospitalisation rechtfertigt.

Zudem wird damit die postoperative Nachsorge den Angehörigen auferlegt, die aber ja als Erbringerinnen dieser unentgeltlichen Care-Leistungen für die Oekonomie kein Kostenfaktor sind. Um trotzdem stationär behandelt zu werden, braucht es also eine Zusatzversicherung - denn genau da, wo die grössten Kosteneinsparungen möglich wären, greifen die kantonalen Vorschriften nicht. Die Privatversicherer (und die Spitäler) werden ihre Freude daran
haben ...

Verfahrenswahl ohne kantonale Vorschriften

Bleibt als letzter Punkt die Spitalversorgung. Werden alle einfacheren Fälle ambulant versorgt, bleiben den Spitälern nur die komplexeren. Darauf ist aber der Personalschlüssel nicht ausgelegt, womit die Gefahr des Ausbrennens beim Pflegepersonal nochmals deutlich ansteigen wird. Und da die Vorhalteleistungen wie Notfall- und Intensivstation sich auf weniger PatientInnen umlegen lassen, steigen auch die Behandlungskosten bei den verbleibenden Fällen - notabene bei seit 2012 gleich bleibender kantonaler Base rate.

Wie so oft hat eben alles zwei Seiten: bisher bin ich mit meinen PatientInnen jedenfalls gut gefahren, wenn wir die Verfahrenswahl im Blick auf die Gesamtsituation gemeinsam festgelegt haben. Wo immer möglich hat das bereits ohne die neue kantonale Vorschrift in einer ambulanten Versorgung resultiert!

Dr.med. H.-J. Riedtmann

eidg. Facharzttitel Chirurgie, Horgen

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