access_time veröffentlicht 20.09.2017

Brief an Ignazio Cassis

PD Dr. med. Jean Martin, Ehemaliger Kantonsarzt Waadt, Mitglied der Redaktion

Online first

Brief an Ignazio Cassis

20.09.2017

In aller Freundschaft – mit Hoffnungen…

Lieber Ignazio

Wir kennen uns schon seit sehr langer Zeit, und unsere Beziehung gründet auf grosser Achtung und Freund­schaft. Du bist Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Prävention und Gesundheitswesen. Acht Jahre hast Du unseren Fachverband Public Health Schweiz erfolg­ reich geleitet und daneben Lehraufträge wahrgenom­men. Du bist Präsident der Stiftung Radix, eines Kom­petenzzentrums für die Entwicklung von Massnahmen der öffentlichen Gesundheit. Seit fünf Jahren arbeiten wir gemeinsam im Vorstand von Curaviva. Und nicht zuletzt warst Du von 1996 bis 2008 ein ausgezeichneter Kantonsarzt im Tessin.

Nach zehn Jahren im Nationalrat wurdest Du nun in un­sere Landesregierung gewählt. Dazu gratuliere ich Dir herzlich! Mit diesem Brief möchte ich Dir – in aller Be­scheidenheit – die guten Wünsche eines alten, ebenfalls der FDP angehörigen Kollegen übermitteln (ich zähle mich zu den alten, in der «extremen Mitte» positionier­ten Liberal­-Radikalen des Kantons Waadt). Nach all den erwarteten, «angemessenen» Dingen, die Du geäussert hast und die es zu sagen gilt, wenn man gewählt werden will, hoffe ich sehr darauf, dass Du – im Dienste der Nation – die Position des Staatsmannes übernimmst. Damit meine ich, dass Du Stärke zeigst und zum Wohle aller in unserem Lande handelst, auch wenn Du damit kritische Stimmen provozierst.

Die Medien sprechen von Deinem «Rechtsrutsch», und ich stimme ihnen zu. In den letzten Jahren hast Du in meinen Augen öfter zu neoliberale Positionen vertreten. Der Rahmen dieses Briefs reicht nicht aus, um näher auf Deine Verbindungen zu den grossen Versicherungen in­nerhalb der Curafutura einzugehen. Vor vier Jahren hast Du dazu eine Erklärung vor den Delegierten von Cura­viva abgegeben. Sie fürchteten zu starke Interessenskon­flikte – eine Befürchtung, die vor kurzem wieder auf­tauchte. Ich weiss, dass Du eine vernünftige, besonnene Gesundheitspolitik anstrebst, die die verschiedenen In­teressengruppen ausgewogen berücksichtigt. Die Versi­cherer sollten sich nicht wie gewinnmaximierende Ka­pitalisten verhalten; gleichzeitig sollten die Ärzte und die anderen Partner jedoch mit gesundem Menschen­verstand agieren und das Allgemeinwohl im Auge be­halten. Dein Rücktritt aus dem Zentralvorstand der FMH im Jahr 2012, mit dem Du auf die unangemessen korpo­ratistische Haltung der Mehrheit der Ärzteschaft zur in­tegrierten Versorgung reagiert hast, war ein mutiger Schritt.

Du beweist auch Mut – auch wenn Deine Haltung offen gesagt die einzig vernünftige ist –, indem Du Dich für eine moderne Drogenpolitik einsetzt, die sich in Rich­tung einer Regulierung jener Produkte bewegt, die ge­genwärtig in realitätsfremder Weise verteufelt werden. Dies ist nicht leicht in unserem Land. Dank würde Dir aber auch gebühren, wenn Du verständlich machen könntest, dass alle Substanzen mit Abhängigkeitspoten­tial gleich zu behandeln und somit auch der Alkohol und der Tabak entsprechend zu regulieren sind. Speziell in Bezug auf den Tabak ist noch anzumerken, dass all jene, die sich für die öffentliche Gesundheit engagieren, es als inakzeptabel, ja als beschämend empfinden, wie sich die FDP ­Fraktion dem Entwurf zum Tabakprodukte­gesetz widersetzt hat. Ihr habt Euch als Diener der Lobbyisten erwiesen, die sich dogmatisch weigern, den Zugang zu Produkten einzuschränken, die jedes Jahr zehntausend Schweizer in den Tod führen. 

Die Argu­mentation dieser Lobbyisten lässt sich leicht demontie­ren: Die Wahlfreiheit der Bürger wird nicht durch die­jenigen eingeschränkt, die sich für die öffentliche Gesundheit einsetzen, sondern durch die Tabakherstel­ler, die – wie wir alle wissen – grosse Mittel aufwenden, um indiskutable wissenschaftliche Daten durch dau­ernde PR-­Berieselung zu diskreditieren. Sie sind die ge­fährlichen Ajatollahs. Wirst Du uns in den kommenden Jahren nachdrücklich zeigen, dass Du nicht oder nicht mehr ihr Freund bist?

Und noch ein wichtiger Punkt: die riesigen Herausforde­rungen in Bezug auf die Umwelt und den Klimawandel. Sie betreffen unseren gesamten Planeten und die Lebens­qualität der folgenden Generationen. Es wäre schön, wenn Du darauf hinwirken könntest, dass die Schweiz in dieser Hinsicht auf nationaler und internationaler Ebene eine beispielhafte Rolle einnimmt.

Ich schliesse mit Europa! Ich war und bin immer noch fest davon überzeugt, dass die enge Zusammenarbeit mit der EU (einschliesslich einer Art Rahmenvertrag) der ein­zig gangbare und angemessene Weg für unser Land ist. Um es offen zu sagen: Trotz der opportunistischen Erklärungen der Kandidaten für den Bundesrat ist die Kampa­gne der Nationalisten gegen «fremde Richter» verwerf­lich, ein weiteres taktisches Manöver der Politik.(1)

Alle meine guten Wünsche begleiten Dich, lieber Igna­zio. Man weiss es wohl: «On ne gouverne qu’au centre.» Ich wage es, Dich daran zu erinnern. Und ich bin dank­bar, wenn Du deine berufliche Herkunft, die Gesundheit, die Medizin und die Pflege nicht vergisst.

(1) Vgl. den Artikel «Juges étrangers: une attaque contre l’indépendance de la justice», Prof. Yves Sandoz. Le Temps, 12. September 2017, S. 10

PD Dr. med. Jean Martin

Ehemaliger Kantonsarzt Waadt, Mitglied der Redaktion

Ähnliche Beiträge

veröffentlicht 08.01.2018

Die Ärzteschaft ist offen für neue Finanzierungsmodelle

Bloggen Sie mit!

Wollen Sie auch einen Blogbeitrag publizieren? Dann schreiben Sie uns!

Mail an Redaktion