access_time veröffentlicht 19.08.2017

«Das Wissen über Hepatitis ist ungenügend»

PD Dr.med. Philip Bruggmann, Chefarzt Innere Medizin ARUD, Zürich

Organisationen

«Das Wissen über Hepatitis ist ungenügend»

19.08.2017

Weshalb die Ärzteschaft mehr testen und frühzeitig Therapien einleiten sollte.

Das Wichtigste im Überblick:

Die Limitatio zur Behandlung einer Hepatitis C wurde für ausgewählte Medikamente aufgehoben.

  • Der Behandlungserfolg einer Hepatitis C liegt mit den neuen Medikamenten bei 90%. Die Behandlungskosten belaufen sich dabei auf rund CHF 30'000.- 

  • In der Schweiz geht man davon aus, dass rund 1,5% der Bevölkerung Hepatitis positiv sind. Jährlich werden rund 1'200 neue Hepatitis B Fälle und rund 1’500 Fälle mit einer chronischen Infektion diagnostiziert. Insgesamt geht man schweizweit von 40'000 Trägern (Hepatitis C oder B) aus, wobei die Betroffenen in einem Drittel der Fälle nicht wissen, dass sie infiziert sind.

  • Bis Ende September bietet das Netzwerk Schweizer Hepatitis-Strategie unter www.hepatitis-schweiz.ch der Bevölkerung einen Risikotest an. Personen, denen dieser Test ein erhöhtes Infektionsrisiko attestiert, können anschliessend bei Partnerinstitutionen des Netzwerks einen kostenlosen Bluttest machen lassen.

  • Die Schweiz möchte, wie auch von der WHO angestrebt, die virale Hepatitis bis ins Jahr 2030 hierzulande eliminieren.

Herr Bruggmann, weshalb ruft das Netzwerk «Schweizer Hepatitis-Strategie» insbesondere Personen mit Jahrgängen 1950 – 1985 zu einem online Risikotest auf?

Die Testsituation in der Schweiz ist bedenklich, wir gehen von mindestens einem Drittel Betroffener aus, die nichts von ihrer Hepatitis Infektion wissen. Es braucht zusätzliche Testmassnahmen. Die aktuelle Risiko-basierte Teststrategie alleine reicht offensichtlich nicht aus. Die Jahrgänge 1950 bis 1985 sind überdurchschnittlich von Hepatitis C betroffen, das einmalige Testen dieses Bevölkerungsteils ist eine kosteneffiziente Massnahme.

Denken Sie, dass die Schweizer Ärztinnen und Ärzte zu wenig über chronische Hepatitis bzw. möglicher Symptome der Erkrankung informiert sind und so Fälle falsch einschätzen?

Das Wissen über Hepatitis ist ungenügend, auf allen Ebenen, von der Allgemeinbevölkerung übers Gesundheitswesen bis hin zu den Behörden. Da besteht grosser Aufklärungsbedarf. Zu dieser Erkenntnis gelangen immer mehr Länder, auch die WHO.

Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Punkte, welche der Ärzteschaft rund um eine Hepatitis-Infektion in Erinnerung gerufen werden müssen?

Hepatitis B und C verlaufen häufig ohne spezifische Symptome und nicht selten auch ohne erhöhte Leberwerte, obwohl bereits Organschäden, auch ausserhalb der Leber, vorhanden sind. Die Ärzteschaft ist aufgerufen, mehr zu testen und die betroffenen Personen einer Therapie zuzuführen. Hepatitis C kann heute sehr einfach und effizient behandelt werden. Beim Hepatitis B ist auf eine noch bessere Durchimpfung der Allgemeinbevölkerung zu achten.

Wenn jemand Hepatitis positiv ist, bedeutet dies ja nicht automatisch, dass diese Person auch daran erkrankt. Sollen diese Personen trotzdem medikamentös behandelt werden?

Hepatitis C ist ein Risikofaktor für schwerwiegende Folgen auch ausserhalb der Leber, wie beispielsweise Diabetes, kardiovaskuläre oder maligne Erkrankungen. Deren Auftreten kann durch eine frühzeitige Behandlung verhindert werden. Ich empfehle deshalb klar, jedem Betroffenen eine Therapie anzubieten. Die aktuell stark fallenden Medikamentenpreise der neuen Hepatitis-C-Medikamente machen dies zu einer immer kosteneffizienteren Massnahme.  

Kritiker schätzen dieses flächendeckende Screening als übertrieben ein. Dabei werden insbesondere die hohen Testkosten für das Auffinden einer Hepatitis-positiven Person moniert. Ist diese Kritik berechtigt? Würde es nicht reichen, erst einen Test anzuordnen, wenn entsprechende Symptome vorliegen?

Das symptombasierte Testen macht bei Hepatitis keinen Sinn, es erscheint daher auch in keiner wissenschaftlich basierten Empfehlung. Viele Betroffene assoziieren ihre über die Jahre schleichend aufgetretenen, aber häufig einschneidenden Symptome erst mit der Hepatitis-Infektion, wenn die Symptome im Zuge einer Behandlung verschwinden. Ein Hepatitis-C-Antikörper-Test ist eine kostengünstige Massnahme, die zum Beispiel sehr einfach in eine Routineuntersuchung oder einen sogenannten Check-up eingebaut werden kann. 

Weiterführende Links:

PD Dr.med. Philip Bruggmann

Chefarzt Innere Medizin ARUD, Zürich

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