access_time veröffentlicht 11.01.2022

«Es hat nie an Ideen gefehlt»

Natalie Marty, Mitgründerin Swiss Medical Forum
Reto Krapf, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Mitgründer Swiss Medical Forum

«Es hat nie an Ideen gefehlt»

11.01.2022

Vor 20 Jahren haben Natalie Marty und Reto Krapf das Swiss Medical Forum mit viel Herzblut und Engagement mitgegründet. Im Interview blicken wir mit ihnen auf diese zwei Jahrzehnte zurück und schauen in die Zukunft.

 

Das Interview führte: Julia Rippstein, Redaktorin Schweizerischer Ärzteverlag EMH

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches im SMF Nr. 01/02 am 5. Januar 2022 erschienen ist.

 

Natalie Marty, Reto Krapf, könnt ihr erzählen, wie es zur Gründung des Swiss Medical Forum (SMF) gekommen ist?

Natalie Marty (NM): Das SMF wurde drei Jahre nach der Gründung des Schweizerischen Ärzteverlages EMH «geboren», der 1997 als Gemeinschaftsunternehmen der FMH und der Schwabe AG entstanden war. Die von den beiden Aktionärinnen eingebrachten Zeitschriften waren die Schweizerische Medizinische Wochenschrift (SMW), in der sowohl Originalarbeiten als auch Fortbildungsartikel erschienen, und die Schweizerische Ärztezeitung (SÄZ), die den Fokus auf Standespolitik legte, auf Wunsch der FMH aber ab 1998 auch einen Fortbildungsteil enthielt. In einer Strategieklausur des EMH-Verwaltungsrates haben wir 1999 gemeinsam mit Reto Krapf eine Idee aus der Redaktion der SMW weiterentwickelt und Forschung und Fortbildung inhaltlich getrennt. So ist das «Drei-Säulen-Modell» der drei EMH-Kernprodukte entstanden: Standes- und Gesundheitspolitik in der SÄZ, Fort- und Weiterbildung im SMF sowie Forschung im englischsprachigen Swiss Medical Weekly.

Damals gab es bereits andere, gut etablierte Zeitschriften in der Schweizer Weiter- und Fortbildungslandschaft. Welchen Mehrwert konnte – und kann – das SMF bieten?

Reto Krapf (RK): Die Zweisprachigkeit sehe ich als einen Pluspunkt, der schon im Verlag sowie in den Redaktionen verankert war. Es wurde beschlossen, die nötigen Mittel zu investieren, damit die Texte in zwei Sprachen erscheinen konnten. Redaktionell hat das SMF heute eine starke Basis in der Westschweiz. Das war nicht selbstverständlich, denn zu Beginn gab es in der Redaktion nur eine französischsprachige Person.

NM: Die redaktionelle Unabhängigkeit haben wir immer sehr ernst genommen. Uns war es äusserst wichtig, dass die Redaktion über den Inhalt der Zeitschrift frei entscheiden konnte. Dazu kommt, dass alle Artikel von Fachexpertinnen und -experten geschrieben und peer-reviewed sind. Damit unterscheidet sich das SMF vom Modell des Medizinjournalismus. Rückblickend finde ich den Entscheid, eine Weiter- und Fortbildungszeitschrift für die ganze Schweiz zu gründen und Artikel in solcher Zahl von Expertinnen und Experten zu erbitten, sehr mutig.

Ist das SMF aufgrund dieser Merkmale erfolgreich gestartet?

RK: Der Start war insgesamt sehr gelungen. Die Profilschärfung der drei Kernprodukte hat dabei eine Schlüsselrolle gespielt. Es war rasch für alle klar, dass man das «blaue Heftli» für die eigene Weiter- und Fortbildung liest. Auch die Tatsache, dass das SMF an alle FMH-Mitglieder verschickt wird, hat bestimmt zum Erfolg beigetragen. Es war erstaunlich, wie die Leserschaft sofort mitgemacht hat. Auch die Autorinnen und Autoren haben von Anfang an viel Engagement gezeigt: Die sehr hohe Zusage-Quote für die Übersichtsartikel hat mich enorm beeindruckt. Ich möchte hier allen ein Kränzchen winden.

Der Start scheint ziemlich reibungslos abgelaufen zu sein. Musstet ihr auch Hindernisse überwinden?

NM: Im ursprünglichen Strategie-Konzept war vorgesehen, eine Zeitschrift mit dieser Auflage nicht nur aus Werbeeinnahmen finanzieren zu müssen. Im Juni 2000 wurde von der Ärztekammer ein einmaliger Sonderbeitrag für das Jahr 2001 zur Finanzierung des Ausbaus des Verlages EMH beschlossen, jedoch kein Sockelabonnement. Erst nachdem die Werbeeinnahmen massiv zurückgegangen waren, wurde Jahre später für die Finanzierung der drei Kernprodukte ein Mix von Inserateeinnahmen und Sockelabonnementen vorgesehen.

Dieser Betrag, der sogenannte «Sockelbeitrag», wurde später wieder reduziert und ab 2019 abgeschafft. Zudem sind Werbeeinnahmen in den letzten Jahren weiter geschrumpft. Wie wird das SMF überhaupt finanziert?

NM: Die drei Kernprodukte waren ein Gesamtpaket mit der Möglichkeit von Quersubventionierungen. Nach dem Wegfall des Sockelabonnements war jedoch klar, dass neue Geschäftsmodelle erarbeitet werden mussten. Dieses Dreierpaket als für die Leserinnen und Leser komplett kostenloses, durch Werbung finanziertes Angebot unverändert aufrechtzuerhalten, war nicht mehr möglich. Als Direktmassnahmen mussten Anpassungen am publizistischen Konzept vorgenommen werden, z.B. das 14-tägliche statt wöchentliche Erscheinen des SMF oder das Zurückfahren der Übersetzungen der Fallberichte.

In 20 Jahren erlebte das SMF aber immerhin doch einige Entwicklungen. Welche waren besonders wichtig für euch?

NM: Die Einführung der akkreditierten Online-Fortbildung «SMF-CME» war seinerzeit ein technisch innovatives Projekt. Später haben andere Zeitschriften die Idee übernommen, Multiple-Choice-Fragen zu publizieren. Das SMF hingegen beschloss, das SMF-CME wieder aufzugeben. Unsere Qualitätsansprüche an die MC-Fragen waren mit einem enormen redaktionellen Aufwand verbunden. Es zeigte sich auch, dass zum Erlangen von Fortbildungscredits Kongresse mit direktem Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen beliebter blieben als Online-Fragen. Die Nutzerzahlen des SMF-CME rechtfertigten damals den grossen Aufwand nicht. Heute wäre dies vielleicht anders.

RK: Allgemein ist das Angebot an Weiter- und Fortbildung für unsere Leserschaft in den 20 Jahren massiv besser geworden. Ich denke zum Beispiel an die Updates der SGAIM. Spitäler nutzen die Weiter- und Fortbildung zunehmend als Mittel für die eigene Werbung. Auch das SMF hat eine Zeitlang eigene Präsenzveranstaltungen mit begleitenden Fortbildungsartikeln im Heft durchgeführt.

Wie wird eurer Meinung nach das SMF in 20 Jahren aussehen?

RK: Wir sind uns hier ziemlich einig: Das SMF wird es zu 95% nicht mehr als Printversion geben. Ob es sich dann noch Zeitschrift nennen wird, wird sich zeigen. Ich glaube, es müsste eine Nutzung verschiedener Kanäle sein. Podcast ist derzeit ein beliebtes Medium und könnte sich für weitere Rubriken öffnen. Es könnten auch weniger aufwändigere Podcasts sein, die ein breiteres Publikum ansprechen. Dies ist aber natürlich auch immer eine Kostenfrage.

NM: «Lay summaries» sind ein spannender Trend. Texte, die ursprünglich für Fachleute gedacht sind, können so auch für Nicht-Fachleute verständlich zusammengefasst werden. Mit Open Access haben zwar alle Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen, aber nicht alle den entsprechenden Wissenshintergrund.

Was sind die schönsten Momente der letzten zwanzig Jahre?

RK: Dass das SMF von Anfang an so gut gelesen worden ist, war für mich ein Highlight. Ich habe vieles sehr geschätzt: den guten Dialog mit den Fachexpertinnen und -experten, das Verhältnis mit den Fachgesellschaften, die Atmosphäre in den Redaktionen und das gegenseitige Helfen.
NM: Die Zusammenarbeit innerhalb der Redaktion war eine wunderbare Erfahrung. Daraus sind Freundschaften entstanden. Der Geist war immer sehr positiv, konstruktiv und kreativ. Alle haben immer wieder grossartige Ideen eingebracht. Dieser Pioniergeist war sehr motivierend.

 

Natalie Marty

Mitgründerin Swiss Medical Forum

Reto Krapf

Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Mitgründer Swiss Medical Forum

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