access_time veröffentlicht 22.03.2021

«Jede Horizonterweiterung ist ein Gewinn»

Werner Bauer, Ehemaliger Präsidenten des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF

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«Jede Horizonterweiterung ist ein Gewinn»

22.03.2021

Seit 2010 leitete Werner Bauer das SIWF. Auf Anfang Jahr hat er den Stab nun an seine Nachfolgerin Monika Brodmann Maeder übergeben. Zeit, um auf ein bewegtes Jahrzehnt zurückzublicken.

 

Das Interview führte: Matthias Scholer, Chefredaktor SÄZ

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews, welches in der SÄZ-Ausgabe Nr. 13/14 am 31. März erscheinen wird.

 

Werner Bauer, wie fühlt es sich an, die Leitung des SIWF nach etwas mehr als zehn Jahren abgegeben zu haben?

Für mich ist das Präsidium des SIWF die schönste Tätigkeit, welche in der Schweizer Ärzteschaft zu vergeben ist. Die Aufgabe, bei der Weiterbildung der jüngeren Generation von Ärzten und der Fortbildung erfahrener Medizinerinnen mitzuwirken, war für mich über alle die Jahre eine faszinierende und motivierende Herausforderung. Die gute Weiterbildung von heute ist eine Voraussetzung für die gute Qualität des Gesundheitswesens von morgen. Ich schaue mit grosser Freude und jetzt auch mit etwas Wehmut auf diese Zeit zurück. Aktuell befinde ich mich noch in einer Phase der Neuorientierung: Einerseits mehr Freiheiten, andererseits weniger Gestaltungsmöglichkeiten. Alles in allem ein nicht ganz einfacher Schritt, der aber zum Leben gehört.  

Was war Ihr grösster Erfolg als SIWF-Präsident? 

Das SIWF wurde 2009 als verantwortliche Organisation für die gesetzlich reglementierte Facharztweiterbildung im Auftrag des Bundes gegründet. Die erste grosse Aufgabe war folglich, das SIWF als oberste ärztliche Instanz im Bereich der Fort- und Weiterbildung zu verankern. Dass uns dies gut gelungen ist, zeigt sich nicht nur darin, dass das SIWF vom Bund, den Gesundheitsdirektionen, den Fakultäten und Verbänden als kompetente Institution zur Umsetzung der Weiterbildung wahrgenommen wird, sondern auch in der Akkreditierung durch den Bund in den Jahren 2011 und 2018. Diese Bescheinigung ist äusserst wichtig, schliesslich ist das SIWF in gewissem Sinn eine Behörde, welche im Auftrag des Bundes alle eidgenössischen Facharzttitel vergibt, Weiterbildungsstätten akkreditiert und Weiterbildungsprogramme genehmigt. 

Ist das SIWF eine reine Kontrollinstanz?

Nein, keinesfalls. Ähnlich den angelsächsischen Colleges versteht sich das SIWF auch als die schweizerische Institution mit dem Auftrag, die ärztliche Bildung kontinuierlich weiterzuentwickeln und sich für deren Stellenwert einzusetzen. 

Können Sie uns diesen Punkt anhand einiger Beispiele verdeutlichen?

Wir haben unter anderem im Bereich der Weiterbildung eine Projektförderung eingeführt. Alle zwei Jahre unterstützen wir die Entwicklung von Tools, E-Learning Programmen oder innovative Lernmethoden mit einem namhaften Betrag. Um die ärztliche Bildung zu reflektieren, zu aktualisieren und weiterzuentwickeln führen wir zudem jährlich das MedEd-Symposium durch. Diese Veranstaltung erfreut sich grosser Beliebtheit und ist zu einer Art Flaggschiff des SIWF geworden, dank dem sich die Institution auch gegen aussen präsentieren kann. 

Wir haben nun viel über die Weiterbildung gesprochen. Welche Herausforderungen gibt es im Bereich der Fortbildung?

Die Devise «trust me, I’m a doctor» hat ausgedient. Das berufliche Umfeld verändert sich heutzutage zu rasch, um die eigene Tätigkeit nicht konstant nach den neusten Entwicklungen und Empfehlungen auszurichten. Deshalb braucht es im Fortbildungsbereich eine entsprechende Dynamik. Wir haben eine Initiative gestartet, bei der die Fachgesellschaften ihren Mitgliedern künftig explizit Themenbereiche empfehlen, welche sie mittelfristig über qualitativ hochstehende Fortbildungsangebote abdecken sollten. 
Um sich Kompetenzen in neuen Bereichen anzueignen und sich auch innerhalb eines Fachgebietes umorientieren zu können, sollte meines Erachtens auch im Fortbildungsbereich über die Implementierung von EPAs nachgedacht werden. Parallel dazu wären Self-Assessments nützlich, dank denen die Ärztinnen und Ärzte selbst feststellen könnten, in welchen Bereichen ein individueller Fortbildungsbedarf besteht. Die europäischen Handchirurgen verwenden bereits ein solches System.

Braucht es folglich strengere Rahmenbedingungen im Fortbildungsbereich?

Persönlich ziehe ich eine freiheitliche Lösung vor. Die Fortbildung soll entsprechend den individuellen Bedürfnissen in Selbstverantwortung gestaltet werden können. Aber das SIWF hat auch den Auftrag, sicherzustellen, dass die Ärztinnen und Ärzte ihrer Pflicht zur kontinuierlichen Fortbildung während ihrer gesamten Karriere tatsächlich nachkommen und sie dokumentieren. Kontroll- und Sanktionsinstanz sind aber die kantonalen Gesundheitsbehörden.

Welche sind die grössten Herausforderungen auf dem Gebiet der Weiter- und Fortbildung in den nächsten fünf Jahren?

Die Medizin und ihr Umfeld entwickelt sich rasant. Dies bedingt eine kontinuierliche Anpassung der ärztlichen Bildung auf allen Ebenen. Ob dies nun wie zum Beispiel im Bereich der Kardiologie über die Implementierung von EPAs für die gesamte Weiterbildung, oder die Einführung von Simulatoren in der Chirurgie angegangen wird, muss jede Fachrichtung für sich evaluieren. Auch die Verschiebung operativer Eingriffe von stationär zu ambulant stellt eine grosse Herausforderung dar. Stationär hatte man eher Zeit, etwas zu erklären. Bei ambulanten Eingriffen erfolgt die Bezahlung nach Tarmed-Tarifen und da ist keine Weiterbildung eingeplant. Deshalb braucht es möglichst bald eine schweizweite Lösung. Dies sind jedoch nur zwei von vielen Herausforderungen der Zukunft. Deshalb bleibt es für das SIWF die grosse, übergeordnete Aufgabe, sich dauernd für den Stellenwert der Weiterbildung einzusetzen und diese zusammen mit der Fortbildung kontinuierlich den sich ändernden Rahmenbedingungen anzupassen. 

Eines Ihrer Markenzeichen war, dass Sie ihre Referate gerne mit Zitaten von Sir William Osler anreicherten. Gibt es ein Zitat, dass zu diesem Rückblick passt?

Da kommt mir spontan folgendes Zitat in den Sinn: «Physicians need culture». William Osler verlangte von seinen Assistenzärzten, dass sie jeden Tag während mindestens einer halbe Stunde Texte aus der Weltliteratur lesen. Fachwissen und handwerkliches Geschick allein machen noch niemanden zu einer wirklich guten Ärztin, einem wirklich guten Arzt. Jede Horizonterweiterung ist ein Gewinn, sei es im Bereich der Ethik, der Kommunikation, der Rechtsgrundlagen oder eben der Literatur.

Werner Bauer

Ehemaliger Präsidenten des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF

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